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Düringer gibt Systemtrotteln eine Stimme Mit seiner Wutbürger-Rede wurde Kabarettist Roland Düringer zum YouTube-Hit. Inspiriert hat ihn das Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger". von CORNELIA RITZER |
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Wien - "Wir sind wütend", rief Kabarettist Roland Düringer vergangene Woche in der ORF-Sendung "Dorfers Donnerstalk" und sorgte damit für 65.000 Klicks auf YouTube. Die TT sprach mit Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan, der mit Eugen Maria Schulak das Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" schrieb, das Düringer inspirierte. Gefällt Ihnen das Wort Wutbürger? Rahim Taghizadegan: Eigentlich nicht sonderlich, aber Philosophen haben das Problem, dass sie entweder die Wörter verwenden, die ihnen gefallen, dann versteht sie niemand. Oder sie sprechen die Phänomene der Zeit an. Das Wort war schon da und es bezeichnet nichts anderes, als dass die Wut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es ist kein schlechtes Phänomen, weil es ein Lebenszeichen ist. Jemand, der heute nicht Wut empfindet, ist entweder apathisch oder nicht ganz dicht. Aber natürlich kann man nicht bei der Wut stehen bleiben, sondern man muss sie konstruktiv nützen, versuchen, die Dinge zu verstehen, und beginnen, die Konsequenzen zu ziehen. Wer sind die Systemtrottel, die Sie in Ihrem Buch beschreiben? Taghizadegan: Systemtrottel sind wir alle, und das ist nicht unbedingt negativ gemeint. Es ist eine Beobachtung, dass wir in den allermeisten Fällen hinterhertrotten. Das ist aus Dämlichkeit der Fall, aus Überforderung oder schlicht, weil uns Zeit und Muße fehlen, in wichtigen Lebensbereichen selbst Verantwortung zu übernehmen. Es ist der einfachere Weg, mitzulaufen.Wie gelingt die "längst notwendige Befreiung aus dem Hamsterrad"? Taghizadegan: Wir neigen dazu, wenn sich die Hamsterräder schneller drehen, noch schneller zu laufen. Insbesondere in Zeiten der Wirtschaftskrise reagiert man auf Probleme mit Panik und beschleunigt das Tempo. Man muss das genaue Gegenteil machen, sich rausnehmen, Ruhe gewinnen und eine Bestandsaufnahme seines Lebens machen. Um jene Sicherheit zu gewinnen, die Bodenhaftung gibt und die es einem ermöglicht, ohne Angst durch die kommenden Jahre und Jahrzehnte zu gehen. Denn es ist die Angst, die uns in den Hamsterrädern gefangen hält. Den Ausbruch muss man sich aber auch leisten können. Taghizadegan: Es ist einfacher, wenn man Reserven hat, aber fast jede Berufung beginnt mit einem Wagnis. Wir sind mit dem "Institut für Wertewirtschaft" so einen Weg gegangen, wollten als unabhängige Akademiker außerhalb der Strukturen wirken. Die ersten Jahre waren hart, man hat kein Einkommen, lebt von Ersparnissen, muss sich erst beweisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas gut macht und es für andere wertvoll ist, ist umso höher, je näher man an seiner Berufung ist. Wie kann aus Wut Mut werden? Taghizadegan: Mut ohne Wut wäre auch zu wenig. Das ist dann nur Zwangsoptimismus, wenn man sagt, wir müssen nur etwas tun, egal was. Das wäre genauso verheerend. Und wie bricht man aus dem System aus? Taghizadegan: Ein erster Schritt ist, sich über seine Prioritäten im Leben bewusst zu werden, nicht immer irgendwelchen Dingen nachzulaufen. Das große Problem in der Wirtschaftskrise ist nicht die Krise selbst, sondern dass uns die Ersatzmittel wie Urlaub oder technische Spielzeuge abhandenkommen. Solange es läuft und das Gehalt jedes Jahr steigt, kann man viel zudecken. Wenn das Gehalt karger wird, brechen die Dinge auf. Das ist kein schlechter Prozess. Stichwort Politik: Soll man das kleinere Übel wählen oder soll man gar nicht wählen? Taghizadegan: Aus der Sicht des Philosophen ist es unmoralisch, ein Übel zu wählen. Wenn man wirklich den Eindruck hat, nur Übel vorgesetzt zu bekommen, dann ist es ehrlicher, das nicht mitzutragen und das auch kundzutun. Kann eine neue Partei, eine neue Bewegung die Antwort sein? Taghizadegan: Die Wut zum Motiv zu machen, ist gefährlich, dann hätten wir Wuttrotteln. Die große Gefahr, die wir überwinden müssen, ist die Polarisierung unserer Gesellschaft. Die wird noch viel stärker zunehmen, wenn die Zeiten wirtschaftlich härter werden. Statt neue Spaltungen zu schaffen, sollte man das Verbindende suchen. Und in konkreten Gemeinschaften Verantwortung übernehmen. Das sind die Dinge, die die Gesellschaft zum Besseren verändern.
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