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von PETRA
RATHMANNER
veröffentlicht in: Wiener Journal (das Magazin der Wiener Zeitung),
Nr. 44, vom 31. Oktober 2008
Ein Totenkopf
ruht im Bücherregal. "Der Tod ist ein Antreiber, der Schädel
erinnert mich an die Vergänglichkeit der Zeit", sagt Eugen
Schulak über den zwischen zerlesenen Publikationen in Kniehöhe
platzierten Knochenschädel, den Kopf eines jungen Mannes aus dem
Barock. "Für mich ist der Tod eine Herausforderung, das Leben
zu nutzen. Der Tod verliert dadurch aber nichts von seinem Schrecken."
Platon stellte einst in einem Diktum fest, dass der Tod kein Übel
sei. Der professionelle Nachkomme des antiken Philosophen kann dem auch
rein gar nichts abgewinnen: "Der Tod ist für mich eine Zumutung."
Ein Besuch in Eugen Schulaks philosophischer Praxis, einem Ein-Mann-Denkunternehmen
in der Wiener Josefstadt, mündet unweigerlich in ein Gespräch
über die großen Lebens- und Sterbefragen. Begleitet werden
die letalen Erörterungen von Rauchwaren der Marke "Camel",
gereicht wird Wasser.
Das Ritual, zu Allerheiligen Gräber aufzusuchen und der Verstorbenen
zu gedenken, erachtet der Profi-Philosoph etwa als überaus sinnvoll.
"Ein Friedhofsbesuch konfrontiert einen mit dem Dahinscheiden.
Das Nachdenken über den Tod ist im Grunde ein Nachdenken über
das eigene Leben. Die Frage drängt sich förmlich auf: Verläuft
mein Leben halbwegs sinnvoll? Entwickelt es sich auf eine Art, dass
ich mich, wenn es denn ans Sterben geht, nicht geniere?
Auch wenn
der berufsmäßige Geistesarbeiter über Themen wie Ableben
und Untergang spricht, mäandert der Redefluss des 45-Jährigen
lebhaft und beschaulich zugleich dahin. Bemerkenswert findet Schulak
in diesem Zusammenhang, dass ein zentraler Denker wie Immanuel Kant
über das Sterben keine einzige Zeile hinterlassen hat. "Im
Angesicht des Todes bietet die Philosophie wenig mehr als Trost."
Eine herausfordernde Beweisführung des letzten Augenblicks liefern,
laut Schulak, dagegen die Epikureer: Die antiken Meister der Lebenskunst
und des Genusses vertreten die Meinung, dass uns der Tod nichts anginge,
da wir nicht sterben und zugleich Zeugen unseres Sterbens sein können.
Der Tod löscht die Erfahrung. Etwas aus seinem Leben machen; sich
mit ganzem Herzen einer Aufgabe widmen; Beziehungen zu Menschen pflegen:
Dies sind für den Lebensglückforscher Lehren, die man bereits
zu Lebzeiten aus dem Wissen um die definitive Endlichkeit allen Seins
ziehen sollte.
Eugen Schulaks philosophische Praxis befindet sich in einem geräumigen
Altbau, seiner ehemaligen Studentenwohnung: raumhohe Bücherregale,
vor den Fenstern eine beachtliche Kakteensammlung -- "Ich interessiere
mich sehr für Botanik" --, ein Arbeitstisch mit flimmerndem
Computerbildschirm, dazu eine Sitzecke im Stil der 50er Jahre. Hier
empfängt der Philosoph, gewandet in existenzialistisches Schwarz,
seine Klienten. Es sind vorwiegend Freiberufler -- Ärzte, Therapeuten,
Künstler, Unternehmer --, die Schulak berät; "Menschen
mit Erkenntnisinteresse."
Im Unterschied zur Psychotherapie drehen sich die Gespräche in
der "Philosophischen Praxis", so der offizielle Titel der
Unternehmung, nicht um Leidensdruck und persönliche Probleme, sondern
fast ausschließlich um Argumente. Einer der Gesprächspartner
konsultiert Schulak seit Jahren, um zu erfahren, was die Archive der
Philosophie über die menschliche Seele beinhalten. Mit anderen
Klienten setzt sich der Anbieter verbürgter Lebensweisheiten mit
Fragen des freien Willens auseinander; ein Unternehmer in einer schwierigen
Lebenssituation suchte einst Unterstützung für eine wichtige
Entscheidungsfindung. Mit einer Runde von Medizinern diskutiert Schulak
im sogenannten "Badener Kreis" regelmäßig über
ethische Probleme der medizinischen Zunft und über neue Möglichkeiten
der Partnerschaft von Patienten und Ärzten: "Ich recherchiere
in der philosophischen Literatur, wir lesen auszugsweise Texte und sprechen
darüber", umschreibt Schulak seine Arbeitsweise. "Dabei
sortieren, bewerten und wägen wir Argumentationen ab." Nicht
nur Privatpersonen, sondern auch Firmen nehmen die Dienste des Fachmanns
gern in Anspruch. Der undogmatische, polyperspektivische Blick der Philosophie
kann verhärtete Standpunkte, die in Teams mitunter zu Problemen
führen, auflockern.
Die Bewegung der philosophischen Praxis nahm ihren Ausgang Anfang der
80er Jahre in Deutschland und ist mittlerweile zum internationalen Phänomen
avanciert, das besonders im angloamerikanischen Raum unter dem Begriff
"Philosophical Counselling" derzeit seine Hochkonjunktur erlebt.
In Österreich gibt es inzwischen einen Dachverband für "Angewandte
Philosophie" -- daneben sind etliche Neugründungen entsprechen
der Praxen zu verzeichnen. In Wien zählt Schulak, der seine Beratungsräumlichkeiten
vor zehn Jahren aufsperrte, inzwischen zu den profiliertesten Anbietern,
zu den Pionieren auf dem Gebiet.
Der Weg Schulaks in die philosophischen Gefilde war verschlungen: Während
des Philosophiestudiums leitete er ein Tonstudio, das Werbejingles produzierte,
die E-Gitarre im Arbeitszimmer ist ein Relikt aus dieser Zeit: "Es
lag für mich nahe, mich mit der Philosophie selbstständig
zu machen." Nach einem eher schleppenden Beginn läuft das
Geschäft mit dem Denken mittlerweile prächtig. Neben seiner
philosophischen Praxis lehrt Schulak, der sich selbst als "Unternehmertyp"
bezeichnet, inzwischen an der Universität, hält Vorträge,
verfasst Essays und Bücher. Zuletzt publizierte er die Schrift
"Wenn Eros uns den Kopf verdreht" (2004), ein philosophischer
Streifzug zum Thema Seitensprung.
Im Grunde ist die Idee, sich mit Hilfe von Gesprächen auf die Suche
nach Weisheit und Wahrheit zu machen, aber so alt wie die Philosophie
selbst -- siehe Platons Dialoge mit seinen Schülern. Gegenwärtig
sei eine hohe Nachfrage nach Orientierung zu beobachten, ein Bedürfnis
nach Geist, erklärt Schulak. "Wir leben in einer komplizierten
Welt, unsere Lebensumstände verändern sich dramatisch."
Einerseits seien traditionelle Sinnangebote wie Religion und Politik,
die ehemals stabilen Wertekanons Beruf und Familie, für viele fragwürdig
geworden; andererseits, so Schulak weiter, führten Zeitknappheit
und ein mit Arbeit vollgepackter Alltag zu einem emotionalen und spirituellen
Vakuum, das den Markt für Sinnlieferanten aller Art wachsen ließe.
"Die Leute sind bei wichtigen Fragen zunehmend auf sich selbst
gestellt", sagt der für die metaphysischen und profanen Fragen
zuständige Sinnvermittler und Seelsorger; "Der Philosoph ist
der Spezialist fürs Allgemeine. In der tausendjährigen Geistesgeschichte
finden sich Antworten auf alle Fragen".
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