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Philosophische Ansätze zur Ganzheitsmedizin
Copyright: Univ.Prof. Dr.med. Dr.h.c. Alois Stacher
Seitdem ich mich als Präsident der Wiener Internationalen
Akademie mit dem Thema "Ganzheitsmedizin" intensiver auseinandersetze,
habe ich gelernt, wie viele Möglichkeiten von Mißverständnissen es auch
auf diesem Gebiet gibt. Deshalb möchte ich einleitend auf Pietschmanns
Unterscheidung von "Wirklichkeit" und "Realität" hinweisen. Er stellt fest,
daß die Wirklichkeit in unseren Köpfen und die "objektive" Realität Pole
eines Spannungsverhältnisses sind, welches Denken und Tun aller Menschen
entscheidend prägt. Wir alle leben mit unseren Vorstellungen, Wünschen,
Träumen, wissenschaftl. Erkenntnissen in der Wirklichkeit. Dagegen
entzieht sich die Realität in Materie, Zeit und Raum unserem Zugriff. Daraus
resultiert die Tatsache, daß das, was einer sagt, niemals identisch ist
mit dem, was der andere hört. Am schönsten gibt das ein chinesisches Sprichwort
wider (zitiert nach Pietschmann): "Gesagt ist noch nicht gehört.
Gehört ist noch nicht verstanden. Verstanden ist noch nicht einverstanden.
Einverstanden ist noch nicht ausgeführt. Ausgeführt ist noch nicht richtig ausgeführt."
Um die Entwicklung, die zum Terminus Ganzheitsmedizin
geführt hat, einigermaßen zu erklären, muß ich kurz auf die Geschichte
der Medizin eingehen. Wenn wir das Krankheitsbild des vorderen Orients
betrachten, so wurde Kranksein als Strafe Gottes, Rache von Dämonen oder
Verlust der Weltharmonie aufgefaßt. Der Arzt vermittelte, half bei der
Sühne oder schrieb sie vor, er glich aus und resozialisierte so den Kranken.
In der chinesischen Medizin ist der Kranke ins Weltall, den Kosmos eingebettet,
es wirkt eine Kraft (Chi), die sich aus zwei ineinander übergehenden Polen
darstellt (Yin und Yang, siehe Tab.1). Ihr Gleichgewicht bedeutet Gesundheit,
ihr Ungleichgewicht Krankheit. Die Aufgabe des Arztes ist es, z.B. mittels
Akupunktur, das Gleichgewicht wieder herzustellen.
Tabelle 1
| |
YIN |
YANG |
| kosmischer Körper |
Erde
Mond |
himmlische Reiche
Sonne |
| Temperament |
passiv
geistig aktiv
folgend
schlafend |
aggressiv
körperlich aktiv
führend
wachend |
| Tageszeit |
Nacht |
Tag |
| Jahreszeit |
Herbst und Winter |
Frühling und Sommer |
| magnetischer Pol |
negativ |
positiv |
| Temperatur |
kalt |
heiß |
| Dichte |
zusammengezogen
bis fest |
ausgedehnt und hohl |
| Geschwindigkeit |
langsam |
schnell |
| relative Feuchtigkeit |
feucht bis gesättigt |
trocken |
| Sitz im Körper |
Füße
untere Extremitäten |
Kopf
obere Extremitäten |
| Organe |
dichte, innere Organe:
Nieren, Lunge, Herz,
Leber, Knochen |
hohle, oberflächliche
Organe: Därme, Milz, Gallenblase, Haut |
| Höhe |
niedrig |
hoch |
| Entfernung |
nah |
fern |
| Seiten |
links |
rechts |
| Licht |
Dunkelheit |
Licht |
| sexuelle Charakteristika |
weiblich |
männlich |
| Konstitution |
weiblich |
männlich |
Dieser Gleichgewichtsgedanke beherrschte auch die
europäische Antike: Nach Empedokles bestand das Weltall aus 4 Elementen
(Erde, Wasser, Feuer, Luft), denen 4 Qualitäten (trocken, feucht, kalt,
warm) und im Organismus 4 Säfte (Blut, gelbe Galle, Schleim, schwarze Galle)
entsprachen. Ihr Gleichgewicht (Eukrasie) bedeutete Gesundheit, die Störung
des Gleichgewichtes (Dyskrasie) entsprach der Krankheit.
Erst die Medizin von Hippokrates stellte die
genaue Betrachtung des Patienten, seine Krankengeschichte, seine Lebensumstände,
das Klima und die Umwelt, also die ärztliche Empirie, in den Vordergrund
und leitete davon die Prognose und das therapeutische Handeln (diätetisch,
medikamentös, chirurgisch) ab. Die Summe des Ganzen war die "ärztliche
Kunst".
Paracelus (1494-1541) lehnte sich gegen diese
zu seiner Zeit noch geltenden Ansichten auf und postulierte 4 Säulen der
Medizin ("Philosphia" = Philosophie + Naturheilkunde, "Astronomia" – Verbindung
von Mikrokosmos und Makrokosmos, "Alchemia" – chemische Arzneien und "Proprietas"
des Arztes = Ethik). Nach ihm haben die Krankheiten nicht eine, sondern
5 Ursachen: 1) Ens astrale - kosmische Einflüsse, 2) Ens veneni – Krankheitsgifte
von außen und durch fehlerhafte Stoffwechselvorgänge auch von innen, 3)
Ens naturale – angeborene Krankheitsanlage, 4) Ens spirituale – geistige
Sphäre, Imagination, Suggestion etc. sowie 5) Ens deale – göttliche Fügung.
Paracelsus
war es, der unter anderem chemische Arzneien in die Therapie einführte.
Mit der Begründung der mathematischen Naturwissenschaft
durch Francis Bacon (1561-1628) und Galilelo Galilei (1564-1642)
war die Basis für die Humanbiologischen Schriften von René Descartes (1596-1652)
gelegt, die mechanistisch orientierte Konzepte und Erklärungen der Physiologie
und Pathophysiologie beinhalteten. Yatrophysik, Yatromathematik, Yatromechanik
(alle Lebensvorgänge lassen sich mathematisch und mechanistisch darstellen)
sowie Yatrochemie (alle Lebenserscheinungen lassen sich chemisch beeinflussen)
begannen das wissenschaftliche Denken bis in die heutige Zeit zu beherrschen.
In der Folge wurden verschiedenste Konzepte erarbeitet (z.B. Animismus,
Vitalismus, Brownianismus), von denen nur die Solidarpathologie (Morgagni
u. Bichat) sowie die Zellularpathologie (Virchow 1821-1902)
im Gegensatz zur bis dahin herrschenden Säftelehre (Krasenlehre, Humoralpathologie)
erwähnt werden sollen, da sie auch heute oft noch im Vordergrund mancher
Diskussion stehen.
Tatsache ist, daß die seit damals bestehende naturwissenschaftl.
Ausrichtung der Medizin bis heute zu großartigen diagnostischen und therapeutischen
Erfolgen geführt hat. Sie sind nicht mehr wegzudenken. Trotzdem herrscht
in verschiedenen Bereichen, z.B. bei Patienten oder praktischen Ärzten,
Unbehagen bis Unzufriedenheit mit der wissenschaftlichen Medizin. Wie ist
das zu erklären?
Das beginnt schon beim Begriff "Gesundheit": Nach
der Definition der Weltgesundheitsorganisation bedeutet Gesundheit völliges
körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Wir brauchen nicht darüber
zu diskutieren, wie schwierig oder ob überhaupt so ein Zustand objektiv
festzustellen ist. Wenn wir es von der Medizin aus betrachten, so können
wir nur verschiedene Graduierungen angeben (Tab.2).
Es ist auch schwierig, "Krankheit" allgemein zu definieren.
Mir gefällt am besten die Definition, die sich auf Regulationsmechanismen
bezieht: "Jede von außen oder innen kommende, physisch oder psychisch ausgelöste,
lokale oder allgemeine, vom Organismus aus eigener Kraft nicht mehr ausgleichbare
Störung körpereigener Funktions- und Regulationssysteme bedeutet Krankheit.
Zu beachten ist, daß die Regulationssysteme hierarchisch angeordnet und
miteinander vernetzt sind. Durch Entfernung bzw. Bekämpfung schädlicher
Noxen (Operation, Chemotherapie etc.) oder zielgerichtete Regulationstherapie
(psychisch und/oder physisch wirkend) kann die Krankheit geheilt oder soweit
beherrscht werden, daß sich der Patient subjektiv gesund fühlt. Gelingt
dies nicht, werden immer mehr lebenswichtige Regulationssysteme betroffen,
bis deren Störung den Tod zur Folge hat".
Tabelle 2
GRADUIERUNGEN VON GESUND UND KRANK
| Subjektiv gesund |
und |
Test - O (bei Belastung) |
| Subjektiv gesund |
und |
Test - 0 (Screening) |
| Subjektiv gesund |
und |
patholog. Test = "Laborkrank" |
| Subjektiv leidend |
und |
objektiv: Test = 0 |
| Subjektiv gesund |
und |
objektiv krank (lanthanisch) |
| Bedingt gesund |
und |
krank, gut eingestellt |
| Leicht krank |
und |
Selbstheilung |
| Mäßig krank |
und |
mit ärztl. Hilfe gesundend |
| Schwer krank |
und |
ohne fremde Hilfe nicht überlebend |
Was erwarten wir nun von der Wissenschaft? Diese
ist nach einer Definition von H. Schäfer eine soziale menschliche
Tätigkeit, von der Verständnishilfen in schwer verständlichen wichtigen
Fragen, Erarbeitung von Modellen, vor allem der "Kausalität", erwartet werden,
aber auch Handlungsanweisungen, verläßliche Aussagen (minimierte Irrtumswahrscheinlichkeit),
Standards, Grenzwerte, Hypothesen, Folgenabschätzung u.a.m.. Dabei sind
direkte Kausalrelationen nur schwer herstellbar, weil es ethisch nicht
zulässig ist, mit Menschen zu experimentieren, weil die Organsysteme vernetzt
sind und unübersehbar viele Funktionselemente mit Rückkoppelung aufweisen,
weil die meisten kausalen Prozesse der Zellen im molekularbiologischen
Bereich stattfinden, weil pathologische Prozesse häufig auf langanhaltende
Einwirkungen zurückgehen, Ursachen multifaktoriell sind und objektiv meist
nicht erfaßbare psychische Einwirkungen eine Rolle spielen, ganz abgesehen
davon, daß wissenschaftliche Aussagen meist von ideologisch getönten Grundeinstellungen
(Paradigmen) geprägt sind.
Damit kommen wir zur Frage, wie wissenschaftlich
soll die Medizin sein und was verstehen wir überhaupt unter Medizin. Die
Verständigungsschwierigkeiten darüber hat Hahn 1998 sehr schön beschrieben:
1. Wir haben verbale und definitorische Unklarheiten, deshalb ist eine Neudefinition nötig.
2. Es gibt Unklarheiten in der Abgrenzung von Gegenstand, Methode und Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung
(Inhaltsebene). Dabei ist Medizin nach Hahn der wissenschaftliche Anteil der Gesamtheilkunde.

3. Es bestehen prinzipielle Unklarheiten in Abgrenzung von Wissenschaftlichkeit als "Einstellungskategorie" gegenüber außerwissenschaftlichen Einstellungen (Beziehungsebene).
4. Es bestehen prinzipielle Unsicherheiten über die Grundzüge einer gegenwartsbezogenen u. wissenschaftlichenEthik.
Natürlich kann man diskutieren, ob die Medizin der wissenschaftl. Teil der Heilkunst ist. Manche sprechen auch von Medizin in "engerem" oder "weiterem Sinne". Es wird aber das Dilemma bei allen Definitionen deutlich.
Letzten Endes sind diese aber wichtig, weil sie das Selbstverständnis des Arztes prägen. Axel W. Bauer hat den medizinischen Erkenntnisgewinn in 4 Axiome gefaßt:
1. Axiom der Existenz von übernatürlichen Personen oder Kräften. Willkürakt supranaturaler Kräfte (Ahnen, Dämonen, Götter). Schwer voraussagbar, plausible Deutung.
2. Axiom der semiotischen Korrespondenz von Phänomenen. Ähnlichkeiten der Phänomene auf allen Ebenen und Stufen des Kosmos, daher Analogieschlüsse berechtigt (Yin-Yang, antike Humoralpathologie, Uroskopie, Signaturenlehre, Homöopathie, u. v. a. m.)
3. Axiom des kausalgesetzlichen, mechanisch-determinist. Ablaufes von Prozessen in der Natur. Prinzip von Ursache und Wirkung in regelhafter Weise, kann mathematisch formuliert werden. Ursache-Wirkungsbeziehungen können linear-monokausal sein, Rückkopplungsschleifen oder Ereignisse im Rahmen
des deterministischen Chaos enthalten. Prozesse müssen empirisch zugänglich sein und im Experiment überprüft werden
können (Hypothetisch-deduktive Methode). Axiom der "westlichen" Naturwissenschaften.
4. Axiom der Möglichkeit des intersubjektiven Verstehens von menschlichen Lebensäußerungen durch hermeneutische Interpretation verbaler und nonverbaler Zeichen. Analogieschluß ("plausible Vermutung"), daß andere Menschen in Denken, Handeln, Reden ähnlich reagieren wie wissenschaftlicher Beobachter (z.B. Psychosomatik).
Auch Axel W. Bauer stellt fest, daß das Dilemma darin besteht, daß keine der vier Denkstile nur mit einem der drei anderen gut kompatibel ist und daß man daher heute nur einen kontrollierten methodischen Dualismus von naturwissenschaftlichem und hermeneutischem Weg empfehlen kann.
Damit kommen wir zwanglos zu H. Schäfer, der meinte, ein Ganzheitsmediziner ist der, der sowohl die naturwissenschaftliche als auch die hermeneutische Vorgangsweise beherrscht. In gewisser Übereinstimmung damit stehen die in viel größerem Zusammenhang postulierten "Denkrahmen" von Pietschmann. Der heute in der universitären Medizin im Vordergrund stehende naturwissenschaftl. Denkrahmen hat die Logik als Ordnungsprinzip (Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit, Begründbarkeit), erfordert Reproduzierbarkeit (Objektivieren, Quantifikation (Messen), Analyse = Isolieren), d.h. erfordert zur Beurteilung Meßdaten des Körpers, die in verschiedenen Bereichen (Psyche etc.) nicht erhebbar sind. Der polare Denkrahmen geht davon aus, daß Krankheit nicht Abweichung von der Norm ist, sondern eine Störung des
Gleichgewichtes (einschließlich Leib-Seele). Novalis hat ein derartiges Lehrgebäude der Medizin errichtet. Der dialektische Denkrahmen erklärt, daß der Mensch nur aus sich selbst gesunden kann. Der kranke Mensch kann dies nicht mehr ohne Hilfe, daher besteht die Aufgabe des Arztes nur darin, ihm dabei zu helfen (Finalität). Pietschmann fordert nun sicherlich zurecht, daß wir Widersprüche in unserem Denken zulassen müssen, da auch aus seiner Sicht kein Denkrahmen Anspruch auf alleinige Gültigkeit hat und sich allein daraus eine Verantwortlichkeit für den Arzt ableiten läßt.
Warum sind diese Diskussionen gerade jetzt so aktuell? Ich will dies an Hand der von mir erlebten Entwicklung meiner ehemaligen hämatologisch-onkologischen Abteilung in den letzten 45 Jahren demonstrieren (Tab. 3).
Tabelle 3: Entwicklung der hämatologisch-onkologischen Abteilung im Hanusch-Krankenhaus
|
HERMENEUTISCHE VORGANGSWEISE |
| vor Jahren 45 |
Patienten:
Heilung schwerer Krankheiten unmöglich
Besserung leichter Erkrankungen, chron.Krankheiten,
Heilung von Funktionsstörungen
Diagnostik: Ärztliche Untersuchung
Labor: B.S., Weltmann, Rest N, Takata, KBB
Bildgebende Verfahren: Röntgen
Therapie: Operation, Äthernarkose
Penicillin, Prontosil, Phytotherapie,
Umstimmungstherapie
ARZT IM VORDERGRUND DES GESCHEHENS |
|
40
|
Beginn der Spezialisierung:
hämatologische Station, allgemeine Hämatologie |
|
30
|
Gründung des Boltzmann-Institutes:
Forschung notwendig!
- Zytologie, Zytochemie
- Einführung fibrinolytischer Therapie
- Einführung von Chemotherapien
- Knochenmarkstransfusion |
|
25
|
- Gründung der Kieler Lymphomgruppe
- kontrollierte Studien, Multicenterstudien
- Lebensqualität
- Zytogenetik
- Molekularbiologie |
|
jetzt
|
Patienten:
Heilung von lebensbedrohlichen und akut Erkrankten möglich, Alter!
Diagnostik: Unübersehbare Zahl von Laborbefunden
Bildgebende Verfahren aller Art: Rö, US, CT, MR u.s.f.
Therapie: Operation, schonende Anästhesie,
Intensivstation, Transplantation.
Unüberblickbare Möglichkeiten der Chemotherapie,
gentechnisch hergestellte Präparate
LABORBEFUNDE, BILDGEBENDE VERFAHREN,
TECHNIK, SPEZIALISTENTEAMS
IM VORDERGRUND |
|
NATURWISSENSCHAFTLICHE VORGANGSWEISE |
Während die hermeneutische Vorgangsweise auf Grund
der mangelnden diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten vor 45
Jahren zwangsläufig die Methode der Wahl darstellte, hat sich die medizinische
Tätigkeit immer mehr an neuen und zahlreicher werdenden naturwissenschaftlichen
Methoden orientiert, so daß sie zuletzt im Vordergrund standen. Damit konnten
viele Patienten, die vorher gestorben sind, am Leben erhalten bzw. geheilt
werden, es wurden aber auch nur mehr Schwerkranke aufgenommen, die alle
Einrichtungen benötigen, und zwangsläufig wurden alle anderen Patienten
mit leichteren oder chronischen Krankheiten zu Praktikern oder in Ambulanzen
überwiesen. Gerade durch die Erfolge der Medizin und die Zunahme der Zahl
alter Menschen gibt es aber sehr viel mehr Patienten mit chronischen Leiden.
Die Kausalität ist meist unklar, sie sind multimorbid, haben oft psychische
Probleme, viel Zeit, benötigen eine dialogische Kommunikation, möglichst
mit einem Arzt als Partner. Sie bedürfen bei akuten Erkrankungen natürlich
der naturwissenschaftlichen Medizin mit ihren Möglichkeiten, aber über
lange Strecken ihres Leidens nur der Therapie mit Methoden der Erfahrungsheilkunde,
sowie sozialer und psychischer Unterstützung. Das entspricht in meinem
Sinne einer Ganzheitsmedizin.
Wie eingangs schon erwähnt, wird dieser Ausdruck
oft mißverständlich interpretiert. Er taucht schon 1949 in Berchtesgaden
auf, wo im Auftrag der ARGE der Westdeutschen Ärztekammer, Fortbildungskurse
für Ganzheitsmedizin stattfinden (zitiert nach R. Jütte, Geschichte
der alternativen Medizin 1995). Man meinte, daß Versuche, diese Bezeichnung
zu mißbrauchen, schwieriger seien als bei der Bezeichnung "biologische
Medizin (Prof.W.Zabel). Sie sollte eine "Grenzerweiterung der Schulmedizin
nach allen Seiten" ermöglichen. Die Universität Jena wurde danach von Prof.
W. Kötschau als "Kampfuniversität" für ganzheitliches Denken bezeichnet.
In den 50er Jahren bedeutete Eintreten für Ganzheitsmedizin
in der Regel ein "Bekenntnis zu den natürlichen Heilverfahren". In den
60er und 70er Jahren kam die Kritik an seelenloser technischer Medizin
(Regau 1960), an perfektionierter Medizin (Paul Lüth 1977),
an Scientismus des Gesundheitswesens (Ivan Illich 1977) und es wurde
gefordert, daß die Lebensbedingungen des Patienten, seine Fähigkeiten sowie
seine Wünsche bei der Behandlung stärker berücksichtigt werden. In den
80er Jahren hat sich nach Renate Jäckle, diese eher politische Auffassung
parallel zur Entpolitisierung der Gesundheitsbewegung in der Form gewandelt,
daß die gesellschaftskritischen und politischen Elemente mehr in den Hintergrund
traten, während das individuelle Gesundbleiben bzw. Gesundwerden sowie
das Recht auf Selbstbestimmung in den Vordergrund trat. Ende der 80er Jahre
fanden Diskussionen mehr auf medizinischer Ebene statt, da die rein naturwissenschaftliche
dominierte "Schulmedizin" viele Methoden der Erfahrungsheilkunde nicht
anerkannte, weil ihre Wirkung naturwissenschaftlich oft nicht erklärbar
war (bzw. noch ist). Dies spiegelte sich auch in den diversen Bezeichnungen
für die beiden Richtungen wider (Tab. 4).

Unser Ziel bei der Gründung unserer Akademie war die uns notwendig erscheinende Integration der komplementären Methoden und psychischen Aspekte mit der naturwissenschaftlichen Medizin, zumal sich durch die Änderung der Patientenstruktur verschiedene Indikationsschwerpunkte
herauskristallisierten (Tab. 5), sich aber auch durch die Fortschritte der naturwissenschaftlichen Methodik, in Technik, Physik, Chemie, Molekularbiologie etc. neue Möglichkeiten zur naturwissenschaftlichen Aufklärung der Wirkungsweise
von komplementären Methoden ergaben. Dazu wählten wir den Ausdruck "Ganzheitsmedizin", der natürlich kein Fachgebiet der Medizin bezeichnet, sondern als Signal für Integration von universitärer, naturwissenschaftlich ausgerichteter Medizin und Komplementärmedizin (Erfahrungsheilkunde) unter besonderer Berücksichtigung psychischer und geistiger Aspekte gedacht ist. Der Ausdruck soll aber auch ein Signal für dieBehandlung von kranken Menschen und nicht nur von Krankheiten sein und nicht zuletzt ein Signal für die unserer
Ansicht nach notwendige Konzentration der Forschung auf regulative Prozesse des Organismus auf allen Ebenen (zur Prävention, Diagnostik und Therapie).

Es wäre noch viel über diese ganzen Fragen zu diskutieren,
doch überschritte es den Rahmen. Ich hoffe, daß es trotzdem gelungen ist,
einen gewissen Einblick in die Problematik einer Ganzheitsmedizin zu geben.
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