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Ärztliche Dialogik
Copyright: em. Univ.Prof. Dr.med. Dr.phil. Karl H. Spitzy
Derzeitige Situation und ihre Beurteilung
In zahlreichen Publikationen, Diskussionen und Gesprächen der letzten Jahre wird auf die Gefahr hingewiesen, daß die Technifizierung, Spezialisierung und Bureaukratifizierung der Medizin zu einer Entpersonalisierung der Heilkunde führen würde. Als Folgen werden eine zunehmende Anonymisierung,
Juridifizierung und Probabilisierung befürchtet(Anm.1). Noch ist es nicht so weit: die Akzeptanz der Ärzte durch die Patienten hat mit Recht immer noch ein hohes Maß. In der letzten Nummer der Ärztezeitung(Anm.2) wurde gezeigt, daß das Arzt-Patient-Verhältnis z.B. als "vertraulicher Umgang mit Patientendaten" noch von 77 % der Patienten als "sehr gut" beurteilt wurde. Wenn auch die 25 Fragen, vorgegeben von der "European Task Force on Patient Evaluation", als "Dimensionen der Patientenzufriedenheit" kaum das wirklich menschliche Problem berühren, sondern auch wiederum vorwiegend technische Fragen betreffen, so liegt dies an der Verwissenschaftlichung der, wohl von Soziologen gesehenen, Probleme, wie Zeitaufwand, Interesse, aktives Zuhören, Einbeziehung in Entscheidungen etc.. Die wahre Zuwendung von Arzt und Patient zueinander ist eben nicht meßbar und kann daher nicht ausgewertet werden. Im Großen und Ganzen liegen aber die Zustimmungen der Patienten zur ärztlichen Tätigkeit immer noch bei über 2/3. Bei Studien in Krankenhäusern und Kliniken ergeben sich ebenfalls
ähnlich günstige Zahlen. Von allen Berufen sind die Ärzte von den Patienten weltweit immer noch die vertrauenswürdigsten unter den freien Berufen. Wenn aber die Objektivierungstendenz der Medizin immer mehr Raum gewinnt, so kann es für die Zukunft der Arzt-Patient-Beziehung schlecht aussehen.
Solange Philosophie und Medizin noch in einer Hand waren, wie zu Zeiten
der alten Griechen, Ägypter, Perser oder, noch weiter zurück, zu Zeiten der Schamanen, gab es zwischen der Lebensphilosophie
und der Heilkunde wenig Reibungsflächen. Zu Zeiten der Mönchsmedizin
des Mittelalters, einer Hildegard von Bingen oder eines Paracelsus etwa, war
noch die heilende Kraft der Liebe im Vordergrund. Heute weist der Kommunikationswissenschaftler
Maximilian Gottschlich mit allem Nachdruck und einer gewissen Berechtigung
auf den sträflichen Verzicht der Heilwirkung des Erwartungsvertrauens
des Patienten (und des Arztes) als Folge einer fortschreitenden Versachlichung
der Medizin hin (Anm.3). Es fehlt also offensichtlich
an einer philosophischen Begründung der Medizin, die nicht allein
in Religion oder Magie zu suchen ist.
Philosophie in der Medizin heute und morgen
Seit über hundert Jahren ist im Curriculum des Mediziners das Philosophicum
abgeschafft. So lernt der Arzt als seine Philosophie nur die Naturwissenschaft
im Sinne Galileis: Was meßbar ist, soll gemessen werden, was nicht
meßbar ist, muß meßbar gemacht werden. Trotz der Mahnungen
Herbert Pietschmanns, die ontologische Grenze physikalischer Erkenntnis
von der technologischen Grenze zu unterscheiden und gegenüber der
ontologischen, der Seinsgrenze, sich nicht gleichgültig zu verhalten
oder sie gar abzuleugnen (Anm.4), wird auch in der
wissenschaftlichen Medizin jede Überschreitung dieser Grenze als unwissenschaftlich
betrachtet. Man möge sich an Kant erinnern, der diese Grenze ausdrücklich
als "Schranke" bezeichnet hat und sie lediglich auf Grund der Beschränktheit
des menschlichen Gehirns als scheinbar gegeben bezeichnet.
Die Beschäftigung mit dem Leib-Seele-Problem hat zur psychosomatischen
Medizin geführt, die gesellschaftlichen Beziehungen der Heilkunde
zur Sozialmedizin. Beide Fächer sind aber, um als wissenschaftlich
zu gelten, gezwungen, sich naturwissenschaftlich auszurichten. So fußt
auch die gesamte klinische Medizin auf Befunden und Probabilität.
Die Ansätze der Ganzheitsmedizin und der sogenannten Komplementärmedizin
sind, in ihrem oft richtigen Gedankengang, ebenso auf wissenschaftliche
Beweisführung aus, wo sie nur scheitern können. In diesem Sinne
zum Scheitern verurteilt sind auch die Anleihen aus der fernöstlichen
Heilkunde, die zwar auf dort gültigen philosophischen Überlegungen
beruhen, aber in unserer westlichen Kultur den Anschluß an die Wissenschaft
nicht finden können (Anm.5).
Es bleibt also nichts anderes übrig als nach philosophischen Systemen
zu suchen, die dem heute durchaus allgemeinen Trend zur Überschreitung
der naturwissenschaftlichen Schranken einen Gedankenweg bahnen, ohne den
gewaltigen Fortschritt der technischen Medizin einzuschränken. Ein
Ansatzpunkt findet sich in der sogenannten Dialogik.
Dialog und Dialogik (Feuerbach, Fichte, Buber, Ebner, Marcel, Lévinas, Kampits)
Rundum wird von Dialogen gesprochen. Meist handelt es sich um mehr oder
weniger überbrückbare Gegensätze zwischen Auffassungen von
zwei gegnerischen Parteien, die auf Diskussionsbasis diese Gegensätze
aufheben oder mildern sollen. Daß dabei Gewalt als Hintergrund nicht
unüblich ist, haben wir im Jugoslawienkrieg eben erst erlebt. Der
Dialog, wie er im philosophischen Konzept der Dialogik gemeint ist, handelt
auch von der Befriedung von Gegensätzen, aber nicht durch das Anstreben
einer diskussionsbedingten oder gar gewaltsamen Einigung, sondern er geht
vom Standpunkt der vollen gegenseitigen Anerkennung von Mensch zu Mensch
aus.
Am deutlichsten und am notwendigsten ist diese volle und rückhaltlose
Anerkennung zwischen zwei Menschen, die eine Beziehung aufbauen wollen
und es nicht nur bei einer Begegnung belassen wollen.
Abgesehen von Pythagoras, der als Erster im anderen Menschen das alter ego, das andere Ich erkannte, war es J.G. Fichte (1772-1814), der als erster Mikrokommunikationswissenschaftler gelten kann. Fichte sprach
in seinem Frühwerk "De officiis eruditorium" wiederholt von der Anerkennung des Du als einem Ich. Entsprechend seiner Wissenschaftslehre gilt die Setzung: Das Ich setzt sich selbst und setzt das Nichtich im Ich dem Ich entgegen. Ist das Nichtich aber eine andere Person, muß diese Anerkennung des Du als Ich erfolgen(Anm.6), obwohl es trotzdem auch
ein Nichtich bleibt.
Ludwig Feuerbach (1804-1872), der Philosoph des Atheismus, stellte fest, daß das Ich nur aus dem Du entspringen kann (Anm.7). Der eigentliche Begründer der Dialogik war Martin Buber, mit dessen dialogischen Prinzip wir uns noch ausführlich beschäftigen werden (Anm.8). Auf Buber und Ebner folgten als Dialogiker Gabriel Marcel und Emanuel Lévinas. Peter Kampits hat die Dialogik Ebners, Marcels und jene von Lévinas ausführlich dargestellt und deren Ansätze weitgehend übernommen (Anm.9).
Auf die Unterschiede zwischen den Auffassungen der verschiedenen Dialogiker
nach Buber kann hier nur mit kurzen Sätzen eingegangen werden. Ebensowenig
können wir uns ausführlicher mit jenen zahlreichen Systemen beschäftigen,
die der Dialogik nahestehen, es sei hier nur auf die Arztphilosophen Karl
Jaspers und Viktor von Weizsäcker hingewiesen, von denen letzerer
sogar ein Freund Bubers war.
Die notwendige Reise ins Imaginäre
Als wesentlich erscheinen uns zwei Überlegungen:
1. Müssen wir über die Grundgesetze der Naturwissenschaft
hinausgehen, um eine zukunftsträchtige Arzt-Patient-Beziehung philosophisch
zu begründen?
2. Können wir ein konstruktives Modell finden, das uns jederzeit
klarmachen kann, worin der Unterschied zwischen der streng logisch-naturwissenschaftlichen
Haltung und jener Haltung liegt, die dem dialogischen Prinzip zu Grunde
liegt?
"Denk imaginär!", ermuntert uns Stephen W. Hawking, der berühmte
amerikanische Physiker in seinem Bestseller "Einsteins Traum. Expeditionen
an die Grenzen der Raumzeit" (Anm.10). Eine Reise
in ein schwarzes Loch, wie dies Hawking vorschlägt, wollen wir aber
lieber nicht versuchen, denn es ist kaum vorstellbar, daß wir aus
dessen Zeit- und Raumlosigkeit wieder auf unseren gewohnten Raum der Erde
in unsere gewohnte Zeit zurückfinden würden. Doch können
wir als Mediziner versuchen, auch wenn wir nicht alles verstehen, was uns
an moderner Physik geboten wird, ein wenig von den Physikern zu lernen,
umso mehr als unser Landsmann Herbert Pietschmann uns eindringlich darauf
aufmerksam gemacht hat, daß wir bereits am Ende des naturwissenschaftlichen
Zeitalters angelangt sind (Anm.11). Da gibt es zwei
Möglichkeiten, entweder schließen wir uns den eher pessimistischen
Ansichten Pietschmanns an, oder wir versuchen als naturwissenschaftlich
erzogene Mediziner den Fortschritten unserer Mutterwissenschaften, der
Mathematik und Physik, etwas abzuluchsen und ihren Gedankengängen
zu folgen, wie dies Pietschmann auch schon vorgezeichnet hat.
Pietschmann geht sozusagen über die allgemein geltenden Gesetze
der Naturwissenschaft hinaus, indem er die Forderung nach direkter Meßbarkeit
aufgibt, aber trotzdem die Folgen eines an sich unmeßbaren Geschehens
doch wieder naturwissenschaftlich zu erfassen versucht. Pietschmann sieht
in der Polarität, in der sich die Gegensätze ergänzen, die
dialektische Möglichkeit, dem in der Naturwissenschaft verbotenen
Widerspruch zu entgehen, ja er sieht im Widerspruch sogar die Quelle der
Entwicklung (Abb.1).
 Abb.1
Polarität nach Pietschmann
In der von ihm vorgeschlagenen Dialektik würde die Polarität
aus These-Antithese-Synthese hervorgehen. Für den Physiker finden
sich solche Polaritäten z.B. bei den von einigen so genannten Polaronen,
das sind Teilchenpaare, die selbst nicht meßbar sind, nach ihrem
Zerfall jedoch gemessen werden können, wobei man nach Heisenbergs
Unbestimmbarkeitsrelation das Vorher, eine Gleichzeitigkeit oder das Nachher
aus prinzipiellen Gründen gar nicht bestimmen kann.
Wenn wir aber im Gegensatz zu Pietschmann einen unserer bedeutendsten
noch lebenden Philosophen Erich Heintel zu Rate ziehen, ist es nicht die
Dialektik, sondern die Dialogik, die eine praktische Deduktion, gegenüber
der theoretischen logischen Deduktion, zu ermöglichen verspricht.
Heintel findet in der Dialogik die transzendentale Dialektik wieder und
sieht in ihr den Übergang von der theoretischen zur handelnden, d.h.
praktischen oder auch pragmatischen Transzendentalität
(Anm.12).
Die Medizin ist eine Handlungswissenschaft, die sich vor allem im Verhältnis
des Arztes zum Patienten manifestiert. Entsprechend der geforderten Autonomie
des Patienten soll dieses Verhältnis ein symmetrisches sein, d.h.,
daß ein paternales Übergewicht des Arztes auf Grund seines größeren
Wissens durch eine möglichst vollständige Information kompensiert
werden soll und eine freie Entscheidung des Patienten gesucht werden muß
(informed consense). Da aber das Heil des Patienten (salus aegroti) dem
Willen des Patienten (voluntas aegroti) unter Umständen nicht entspricht,
darf die ratende Autorität des Arztes dem Patienten nicht vorenthalten
werden. Im Zweifelsfall gilt dann allerdings stets die freie Entscheidung
des Patienten oder die Vermutung des Arztes über diese Entscheidung,
wenn eine Befragung, etwa bei Einschränkung des Bewußtseins,
nicht mehr möglich ist. Die personale Symmetrie zwischen Arzt und Patient
soll aber immer hergestellt werden, so daß eine Polarität im
Entscheidungsprozeß nicht zur Geltung kommt (Anm.13).
Als Beispiel ein klinischer Fallbericht:
Eine 78 Jahre alte Patientin litt seit Jahren an einem
Blasenkarzinom, das immer wieder mit chemotherapeutischen Spülungen
und Auskratzungen behandelt werden mußte. Die Lebensqualität
der Patientin war dadurch stark eingeschränkt. Dazu kam noch eine
notwendig gewordene Hüftoperation, die wahrscheinlich die Neigung
zu Rezidiven des Karzinoms noch verstärkte. Schließlich wurde
eine Totalextirpation der Blase unvermeidlich und die äußerliche
Anbringung eines Urinsäckchens notwendig. Auf die ausgedehnte Operation
folgte ein Darmverschluß, doch in diesem Zeitpunkt verweigerte die
Patientin einen nochmaligen Aufenthalt im Krankenhaus. Unter aufopfernder
häuslicher Pflege verstarb sie unter den, möglicherweise vermeidbaren,
Symptomen des Ileus (bis zum Koterbrechen) im Kreise ihrer Familie im vollen
Bewußtsein ihres nahen Todes und nach der Mitteilung ihrer letztwilligen
Verfügungen an ihren Mann und ihre drei Söhne. Der Zwiespalt
zwischen "salus et voluntas aegroti" war für den Arzt fast unerträglich,
doch mußte er sich der autonomen Entscheidung der Schwerkranken beugen.
Wenn sich in diesem Beispiel auch eine Polarität ergeben hat, die
in einer mangelnden Übereinstimmung einerseits und in einer schließlichen
Einigung (oder tolerierenden Anerkennung) andererseits zum Vorschein kam,
so geht dieser Einigung doch ein Prozeß voraus, der in Stufen abläuft.
Thure v.Uexküll und Wolfgang Wesiak haben in ihrem
Werk "Theorie der Humanmedizin" (1988) ein Modell von Funktionskreisen
entworfen, die sich als Regelkreise, z.B. der Atmung, und in Situationskreise,
z.B. als Diagnose-Therapie-Zirkel manifestieren (Abb.2).
 Abb.2
Diagnost. -therapeutischer Zirkel nach v.Uexküll & Wesiak (Anm.14)
Im diagnost.-therapeutischen Zirkel geht es um die kreisförmige
Dynamik der Lebensvorgänge und die ständige Befundkontrolle zur
Verifizierung oder Falsifizierung der Diagnose aufgrund von Erfolg oder
Mißerfolg. Dabei nennen die Autoren ihre Bemühungen eine imaginäre
Reise, die ein mit dem Modell des Situationskreises als Kompaß und
Navigationsinstrumentarium ausgerüsteter Arzt im Laufe der Interaktion
mit einem Patienten zurücklegt (Anm.15). Uexküll und Wesiak stellen dabei drei Dimensionen des
Situationskreises fest: eine kognitive, eine emotionale und eine ethische
Dimension. Die konsequente Benützung dieser drei Dimensionen macht
nach Ansicht der Autoren den Arzt zum Metaarzt. Die Aufgabe des "Metaarztes"
ist es, das Rüstzeug und dessen Anwendung immer wieder zu überprüfen,
das der Arzt bei seinen Reisen durch die Kontinente menschlicher Schicksale
zwischen Gesundheit und Krankheit zu seiner Orientierung und zur Deutung
seiner Entdeckungen benützt (Anm.16).
Für v.Uexküll und Wesiak ist das Arzt-Patient-Verhältnis
bereits in zwei Ebenen definiert. Demnach gibt es eine Ebene, die den Arzt
als Kontrolleur der Befunde ausmacht, und eine Ebene des Metaarztes, welcher
versucht, seine medizinischen Erkenntnisse so weit wie möglich an
den Einzelfall anzupassen. Dazu wäre es aber notwendig, diesen erstrebenswerten
Metaarzt auch in einer Metaebene agieren zu lassen. Alle drei von den Autoren
vorgeschlagenen Dimensionen, die kognitive, affektive und ethische, haben
ihren Ursprung und ihre Heimat in zwei autonomen Subjekten, dem Arzt und
dem Patienten. Es müßte zur Vervollständigung des Modells
eine umfassende Ebene, eine Metaebene eingeführt werden, um den Arzt
zum Metaarzt zu machen.
Das Modell der Dialogik für die Arzt-Patient-Beziehung
Um das v.Uexküll-Wesiaksche Modell zu erweitern und damit den dort
geforderten Metaarzt zur Geltung zu bringen, stehen zwei philosophische
Systeme zur Verfügung.
1. Das von den zwei österreichischen Philosophen Martin Buber und
Ferdinand Ebner Anfang des 20. Jahrhunderts begründete dialogische
Prinzip . Es sollten, nach Ebner, die Icheinsamkeit und die Duverschlossenheit
des Deutschen Idealismus überwunden werden (Anm.17).
Buber geht von zwei Wortpaaren aus, die eine zwiefältige Haltung des
Menschen begründen. Das eine ist das Wortpaar Ich-Du und das andere
das Wortpaar Ich-Es (Anm.18).
2. Dabei liegt das Ich-Du als Beziehung in einer kategorienlosen, einer
Messung unzugänglichen und umfassenden Metaebene, und das Ich-Es als
Begegnung in einer der Messung zugänglichen Orthoebene. Solch eine
Trennung in zwei Ebenen für alle kognitiven, emotionellen und moralischen
Lebensvorgänge wurde von Francisco Varela, einem Schüler des
österreichischen Philosophen Heinz v. Foerster, dem Begründer
der konstruktivistischen Schule, der auch Ernst von Glaserfeld und Paul
Watzlawick angehören, Ende des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen hat
(Anm.19).
 Abb.3
Modell der Dialogik
Das Modell der Dialogik kann in Anlehnung an Varela
so dargestellt werden, daß in einer Metaebene (E1) die Ich-Du-Beziehung
und in einer Orthoebene (E2) die Ich-Es-Begegnung angesiedelt werden kann.
In der Orthoebene findet ein kreativer Zirkel statt, der für alle
Lebensvorgänge (kognitiv, affektiv und moralisch) zutrifft. Die (körperliche)
Begegnung findet in dieser Orthoebene statt. Das Vertrauen (zum Mitmenschen)
führt zu einer Haltung, und diese bedingt wiederum die Übernahme
einer Verantwortung, die in die Begegnung eingebracht wird. In der Ich-Es-Begegnung
wird beobachtet und betrachtet. Ist schon die in diesem dynamischen Zirkel
erreichbare Haltung eine kreative, denn diese Haltung wird laufend durch
das Gewinnen von Vertrauen und das Übernehmen von Verantwortung verstärkt
(oder durch negative Erfahrungen geschwächt), so bleibt die resultierende
Haltung mit anderen Haltungen vergleichbar. Da es eine ideale Haltung nicht
geben kann, ist sie auch in Teilaspekten beobachtbar oder betrachtbar,
sonst könnte sie im kreativen Zirkel nicht veränderbar sein.
Dieser zirkuläre Vorgang trifft für das Arzt-Patient-Verhältnis
voll zu. Das Aufeinandertreffen von Arzt und Patient ist vorerst eine Begegnung.
Die Auswahl des Arztes durch den Patienten ist schon Vertrauenssache und
die Verantwortungsübernahme durch den Arzt eine Voraussetzung für
das Gelingen. Bleibt es für den Arzt beim Beobachten (durch Befunde)
und beim Betrachten (des Befindens), unterscheidet sich der Menschenarzt
noch nicht vom Tierarzt. Die Haltung des Arztes gegenüber dem Patienten
muß mehr sein, denn es steht ihm nicht nur ein Objekt, sondern ein
Subjekt gegenüber. Das Verhältnis Subjekt zu Subjekt ist ein
beiderseitig autonomes, beiderseitig sind freie, ungebundene Entscheidungen
möglich (Compliance). Beiderseitig haben Maßnahmen subjektive
Wirksamkeit (Placebo). Beiderseitig müssen die Vorstellungen für
die subjektive Lebensqualität abgeglichen werden (quality of life).
Der kreative Zirkel der Haltung, erreicht durch gegenseitiges Vertrauen
und ebenso durch gegenseitige Verantwortung, löst die Frage nach Paternalität
und Autonomie auf, denn der Arzt muß Vertrauen zum Patienten haben,
und der Patient muß seinen Anteil an Verantwortung selbst übernehmen.
Wer nur in der Ich-Es-Welt lebt ist nicht der Mensch, sagt Buber, und
doch kann der Mensch nicht ohne Es leben. Das ist nun einmal die erhabene
Schwermut unseres Lebens (Anm.20). Ärzte und
Ärztinnen, Patienten und Patientinnen sind, so Gott will, auch Menschen.
Alle leben wir im kreativen Zirkel der Orthoebene und von uns wird eine
bestimmte Haltung verlangt, die auf Vertrauen und Verantwortung basiert.
Und doch reicht dies für Alle nicht aus, wenn wir Menschen sein wollen
- wohlgemerkt es ist ein Wille, kein Wissen, keine Wissenschaft!
In welcher Ebene müssen wir aber das, was uns in der Orthoebene
zum Menschen fehlt, suchen? Wohl allein in uns selbst, dort, wo wir unser
Ich zu finden glauben. Und dort findet sich, wenn wir Buber folgen, auch
das andere Ich, das Du, und das in voller symmetrischer Gegenseitigkeit,
wie bei jeder echten Partnerschaft, die sich der gegenseitigen Achtung
und Liebe unterwirft. Da beobachte ich und betrachte nicht nur den Anderen,
sondern ich werde seiner inne, wie Buber sagt (Anm.21).
Jede imaginäre Reise endet dort, wo man sie begonnen hat, - in
uns selbst. Und wenn wir uns zurücknehmen, finden wir dort auch das
Du, ohne das es ein Ich gar nicht geben kann.
 Abb.4
Pantokrator
In diese kategorienlose, unmeßbare Metaebene, die nicht dem Verstand,
der Vernunft, der Ratio, sondern dem Glauben untersteht, weht das Göttliche
ein, und dieses Göttliche umfaßt alles als das ewige, absolute
DU. Ganz konsequent bildet sich die Dialogik im benediktinischen Ora et
Labora ab.
Anmerkungen
1. Wieland W., Strukturwandel der Medizin und ärztliche Ethik, Carl Winter, Heidelberg 1986.
2. Qualitätssicherungsstudie zur Zufriedenheit von Patienten mit ihrem Hausarzt, Gute Ergebnisse bei Patientenstudie, Wiener Arzt 6/99, 16.
3. Gottschlich M., Sprachloses Leid, Springer, Wien 1998, 87.
4. Pietschmann H., Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters, Zsolnay, Wien 1980.
5. Spitzy K.H., Ärztliche Wissenschaft, Teil 3 der Reihe "Klinische Philosophie", Maudrich, Wien 1998.
6. Fichte J.H., Werke, Bd.1, De officiis cruditorum, Bayrische Akademie der Wissenschaften, München 1794.
7. Feuerbach L., Grundsätze der Philosophie der Zukunft, in: Theunissen M., Der Andere, De Gruyter, Berlin 1977, 5.
8. Buber M., Ich und Du, Schneider, Heidelberg 1983 (Erstausgabe 1923).
9. Kampits P., Das dialogische Prinzip in der Arzt-Patient-Beziehung, in: Kampits (Hrsg.), Arzt und Patient, Schriftenreihe des Zentrums für Ethik und Medizin, Landesakademie Krems 1995, 45-62.
10. Hawking St.W., Einsteins Traum. Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit, Rowohlt, Reinbeck 1993, 121.
11. Pietschmann H., 304.
12. Heintel E., Grundriß der Dialektik, Bd.2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984, 47ff..
13. Spitzy K.H., 63.
14. v. Üexküll Th., Wesiak W., Theorie der Humanmedizin, Urban u. Schwarzenberg, München-Wien 1988, 561ff..
15. ebd., 649f..
16. ebd., 657f..
17. Ebener F., Gesammelte Schriften, Seyr, München 1963-65.
18. Buber M., Zwiesprache, Schneider, Heidelberg 1978, 24.
19. Kampits P., a.a.O..
20. Buber M., Zwiesprache, a.a.O..
21. ebd.
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