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Ein wenig
Bauchweh hatte Christian Köllerer, 36, schon, als er 2000 seinen
Job als Produktmanager beim Handy-Marktführer Mobilkom antrat.
Schließlich schien sein Bildungsweg so gar nicht zu einer Marketingkarriere
zu passen: Köllerer hat nicht etwa Betriebswirtschaft studiert,
sondern Philosophie, kombiniert mit Germanistik. "Ich
war ziemlich überrascht, als ich feststellte, dass in diesem Bereich
auch Absolventen wirtschaftsuntypischer Richtungen wie Ethnologie oder
Physik arbeiteten", meint der nunmehrige Senior Manager im Mobilkom-Produktmarketing.
Nicht seine Kollegen mussten ihre Vorurteile gegenüber Geisteswissenschaftlern
ändern, sondern vielmehr er die seinen über die vermeintlich
oberflächliche und von reinem Profitdenken getriebene Wirtschaft.
Begonnen
hat seine berufliche Laufbahn als Literaturkritiker. Als solcher agiert
er, auf einer Online-Plattform, nebenbei noch immer. An den Wochenenden
schmökert er am liebsten in klassischen oder zeitgenössischen
philosophischen Werken, um sich, wie er sagt, Impulse für seinen
beruflichen Alltag zu holen. "Es gibt in der Wirtschaft ganz allgemein
viel mehr intellektuellen Hintergrund, als gemeinhin angenommen wird",
sagt er.
Nicht nur Mobilkom-Manager Köllerer ist nach dem Studium von Kant,
Hegel und Schopenhauer in die Welt der Zahlen und Märkte gewechselt.
Immer öfter dringen die einst als lebensfremd verschrienen Philosophie-Absolventen
in die Wirtschaft vor -- als Unternehmensberater oder Führungskräfte.
Für Management-Aufgaben empfehlen sie sich unter anderem wegen
ihrer generalistischen Sichtweise und ihrer Fähigkeit zum analytischen
und strukturellen Denken.
Doch Bernhard Wundsam, Geschäftsführer von Uniport, einem
Karriereservice der Universität Wien, sieht einen anderen Hauptgrund
für den neuen Boom der Philosophen in der Ökonomie. "Sie
können überraschende Perspektiven und Denkweisen einbringen.
Dieser Trend ist ein internationales Phänomen, und ich gehe davon
aus, dass er sich angesichts der dynamischen Entwicklungen in der Wirtschaft,
die ständig neue Ansätze erfordert, in Zukunft noch verstärken
wird."
Unternehmensberatungen wie die Boston Consulting Group (BCG) setzen
ebenfalls bereits auf Quereinsteiger aus Orchideenfächern. Nur
noch rund die Hälfte der BCG-Berater haben ein klassisches BWL-Studium
hinter sich, immer mehr Mitarbeiter bei derartigen Consultingfirmen
kommen aus "exotischen" Fachrichtungen wie Philosophie, Theologie,
Geschichte, Sinologie und naturwissenschaftlichen Fächern. Erst
jüngst veranstaltete BCG in Berlin eine Recruiting-Messe, zu der
ausdrücklich nur Absolventen nicht wirtschaftlicher Studienrichtungen
eingeladen wurden. "Im angelsächsischen Raum ist es schon
lange selbstverständlich, dass Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft
Karriere machen", meint Roland Haslehner von BCG Österreich.
Weshalb es nicht verwunderlich sei, dass dieser Talentepool nun auch
in Österreich entdeckt würde.
Geplant waren die Managerkarrieren der Philosophen selten. Zumindest
nicht bei Studienantritt. Lange war es für Philosophen eine Zitterpartie,
überhaupt einen Job zu finden, sie waren die Hauptopfer der Akademikerschwemme
und wurden als Taxifahrer mit Doktorhut zu deren Sinnbild. "Für
Philosophie-Absolventen gab es, abgesehen von der Uni-Laufbahn, nie
eine maßgeschneiderte Karriere wie bei Medizinern, Architekten
oder Juristen", analysiert Karriere-Experte Bernhard Wundsam. "Sie
mussten deshalb am Arbeitsmarkt immer besonders flexibel agieren und
haben vielfach gelernt, ihre persönlichen Qualitäten herauszuarbeiten
und richtig zu vermarkten."
Entsprechend unorthodox verlief so die Karriere der heute 41-jährigen
Michaela Keplinger-Mitterlehner. Für eine Fächerkombination
aus Philosophie, Psychologie und Geschichte entschied sie sich einst
aus dem hehren Motiv, in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Denkweisen
eine möglichst breite Basis für ihre Weltsicht zu finden.
"Wenn Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt hätten, was ich
beruflich machen will, wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee
gekommen, dass ich einmal bei einer Bank landen würde." Ist
sie aber. Nachdem Keplinger-Mitterlehner zuvor schon als oberösterreichische
Landesdirektorin der BA-CA wirkte, ist sie seit Anfang Juni dieses Jahres
Vorstand der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich.
Ihre Wurzeln verleugnen die Philosophen trotzdem nicht. Katrin Gatterbauer,
seit Anfang 2006 in der Topposition der Personalchefin für ganz
Österreich bei BIPA tätig, sah ihren Job anfangs nur als Übergangslösung.
Doch mittlerweile ist die Lehramts-Absolventin der Fächer Philosophie
und Geografie mit ihrer Aufgabe eins geworden und findet sich darin
trotz ihres ungewöhnlichen Bildungsweges wieder. "Das Philosophie-Studium
ist eine Übung in abstrakter und globaler Sichtweise und dem Denken
in großen Zusammenhängen. Das ist bei der Entwicklung konzeptioneller
Strategien in der Personalentwicklung sehr hilfreich." Das Auswahlverfahren
des Assessment Center, bei dem sie vor einem Jahr die Jury von sich
überzeugen konnte, gestaltet die 28-Jährige mittlerweile selbst.
Auch dabei zieht Gatterbauer Nutzen aus ihrem Studium. Schließlich
muss sie feststellen, ob die Einstellungen potenzieller Mitarbeiter
mit der BIPA-Firmenphilosophie harmonieren.
Hauptproblem bei derartigen Karriereverläufen: Ohne wirtschaftliches
Basiswissen geht trotz höherer Perspektive im Geschäftsleben
gar nichts. Dieses müssen die Philosophen deshalb in Form von Crashkursen
oder zeitweilig durchaus anstrengendem Praxistraining nachholen. So
kämpfte sich Mobilkom-Manager Köllerer anfangs durch die Standardwerke
des Marketings, und Bankerin Keplinger-Mitterlehner holte ihre wirtschaftlichen
Kenntnisse durch einen BWL-Unilehrgang und eine umfassende Bankausbildung
nach. "Ich musste mir vieles selber aneignen", denkt sie an
die Anfangsjahre ihres steilen Aufstieges zurück. Im Bankwesen,
das noch stärker als andere Branchen von Konventionen geprägt
ist, stieß sie als "Bildungs-Exotin", anders als Christian
Köllerer bei der Mobilkom, anfangs auch auf Zweifler. "Ich
musste zuerst einmal beweisen, dass ich sehr wohl etwas vom Fach verstehe."
Inzwischen hat sie die Bewährungsproben längst überstanden.
Und anderen Bankern gegenüber hat sie immer noch den Vorteil, dass
sie jetzt gleich in zwei, scheinbar so gegensätzlichen Welten,
zuhause ist.
Philosophen bringen ihre Sichtweisen zunehmend auch als Unternehmensberater
ein. Nicht alle davon heuern zu diesem Zweck bei Unternehmen wie der
Boston Consulting Group oder McKinsey an. Unter Philosophen ist es auch
schon en vogue geworden, ihr spezielles Know-how als selbständige
Unternehmer feilzubieten. "Wir Philosophen sollten nicht unser
ganzes Leben im Elfenbeinturm verbringen", meint Eugen-Maria Schulak,
Gründer der ersten philosophischen Praxis in Wien, um einen standesgemäßen
Vergleich zu ziehen. "Wie Sokrates sollten wir auf den Marktplatz
gehen und mit den Leuten ins Gespräch kommen." Aufträge,
bei denen seine Expertise gefragt ist, beschreibt er dann zum Beispiel
so: "Wenn sich ein Manager fragt, was gerechter Lohn ist, geht
es zuerst auch einmal darum, was Gerechtigkeit überhaupt ist."
Dabei muss er das Rad nicht neu erfinden, vielmehr vertraut er auf sein
reich bestücktes Bücherregal. "Ich benutze die Erkenntnisse
dieser Werke genauso, wie man aus einem Steinbruch Steine herausbricht."
Schulak kam aus echter philosophischer Obsession auf sein Geschäftsmodell.
Nach dem Studium machte er zuerst sein Hobby zum Beruf und ein Tonstudio
auf, bis er feststellte, dass die von ihm produzierten Werbejingles
"nicht von bleibender Bedeutung sind". Jetzt geht er es als
philosophischer Berater wieder grundsätzlicher an. Vor zwanzig
Jahren, meint er, wäre der Erfolg seiner Praxis noch nicht möglich
gewesen.
Einer der Aufträge seines Branchenkollegen Wolfgang Pauser, selbstständiger
Berater für Unternehmenskultur mit philosophischer Ausbildung,
bestand darin, die Bedeutung des Mercedes-Sterns zu klären, und
zwar für Mercedes selbst. Auch Pausers Karriere war nicht auf dem
Reißbrett geplant: Zuvor verfasste er kulturwissenschaftliche
Analysen von Gebrauchsgegenständen wie Staubsaugern und Autozubehörteilen.
Dabei erkannte er das Interesse der Unternehmen an fundierten Analysen
der Botschaften ihrer Produkte. Auch Multis wie Swarovski und Volkswagen
bediente er schon.
Stellt sich
die Frage: Was genau können Philosophen, das BWL-Absolventen nicht
können? Elisabeth Nemeth, Leiterin des Philosophieinstituts der
Uni Wien, betrachtet die Absolventen ihres Faches dank ihrer Schlüsselkompetenz
des analytischen Denkens als kreative Problemlöser, die über
den Tellerrand hinausblicken können. Ähnlich die Analyse von
Harald Katzmair, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts
FAS Research und selbst promovierter Philosoph: "Dieses Studium
befähigt in besonderem Maß dazu, sich schnell einen Überblick
über die Gesamtheit einer Sache zu verschaffen. Deshalb werden
Philosophen in den Führungsetagen des 21. Jahrhunderts immer gefragter
werden." Dazu kommt eine Art konterkarierender Kreativität.
"Betriebswirtschafter sind dort gut aufgestellt, wo es darum geht,
vorhandene Bedürfnisse möglichst kostengünstig zu befriedigen",
meint Philosophie-Berater Pauser. "In einer Welt der gesättigten
Märkte geht es aber auch darum, neue potenzielle Bedürfnisse
zu erfinden". Dies sei deshalb eher die Sache von Philosophen,
die gelernt haben, das Funktionierende infrage zu stellen.
Wie weit es Philosophen bringen können, hat etwa Wissenschaftsminister
Johannes Hahn (ÖVP) bewiesen, der ebenfalls von sich meint, dank
seines Philosophiestudiums Spezialist für das Hinterfragen eingefahrener
Muster zu sein. Zuvor war er auch schon Vorstandsvorsitzender des milliardenschweren
Glücksspielriesen Novomatic. "Ich war bei meinen Jobs in der
Wirtschaft teilweise im positiven Sinne der Hofnarr, weil sich ein Quereinsteiger
zu jedem Thema äußern und Fragen stellen darf, mit denen
sich etablierte Manager blamieren würden". Worin Hahn eine
gewisse Innovationskraft ortet.
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