|
"Ich arbeite wie im Vollrausch"
Herbert Grönemayer über seine Karriere, seine Talente und die Krise der Plattenfirmen
Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Von Jugend an Komponist, Texter, Schauspieler und Sänger konnte sich Herbert Grönemeyer Anfang der 80er-Jahre in Deutschland vorerst als Theater- und Filmschauspieler etablieren. 1984, nach vier erfolglosen Langspielplatten, gelang ihm dann aber auch in musikalischer Hinsicht der Durchbruch. Mit "4630 Bochum", einer Hommage an seine Heimatstadt im Ruhrgebiet, und insbesondere mit seinem Hit "Männer", der laut "Spiegel" heimlichen deutschen Nationalhymne, sang und spielte er sich in die Herzen seiner Landsleute. Grönemeyer sorgte mit dieser Platte fast im Alleingang dafür, dass die deutsche Sprache in Verbindung mit Rockmusik von der Musikindustrie erstmals ernst genommen wurde. Er machte damit auch den Weg frei für jüngere Musiker, die nicht mehr englisch oder in unsinnig belanglosem Deutsch singen, sondern sich – wie auch Grönemeyer – emotionalen oder kritisch ernsthaften Inhalten widmen wollten. 1998, nach schweren Schicksalsschlägen, zog sich Grönemeyer für zwei Jahre aus dem Show-Geschäft zurück. Im August 2002 erschien dann die Single "Mensch" und danach das gleichnamige Album, das bislang drei Millionen Mal verkauft wurde. Eineinhalb Millionen Menschen besuchten seine letzte Tournee. Insgesamt konnte er bis heute über elf Millionen Platten verkaufen und wurde dreiundzwanzig Mal mit Platin ausgezeichnet. Das folgende Interview fand im Rahmen der Siemens Academy of Life statt, in die Herbert Grönemeyer als einer der erfolgreichsten deutschen Musiker eingeladen war. Wiener Zeitung: Sie haben einmal gesagt, der Umgang mit den Medien sei so schwierig wie der Umgang mit Erfolg. Was macht den Erfolg so schwierig? Herbert Grönemayer: Der Erfolg hat eine wahnsinnige Dynamik, mit der man natürlich nicht rechnet. Man denkt, dass er nur daraus besteht, dass man geliebt wird. Was man unterschätzt, sind diese ungeheure Wucht und Macht die mit dem Erfolg einhergehen. Damit umzugehen ist extrem schwierig. Durch den Erfolg wird man aufgeblasen wie mit heißer Luft, wie ein Heißluftballon. Hat man keine Freunde, die einen wie mit einem Hering im Boden verankern, hebt man permanent ab. Wiener Zeitung: Begonnen haben Sie ja als Filmschauspieler. Sie spielten in "Das Boot" und in einem Film über Schumann mit Nastassia Kinski. Warum wollten Sie nicht beim Film bleiben? War Ihnen das zu wenig? Herbert Grönemayer: Ich bin als Pianist ans Theater gekommen. Das war in meiner Heimatstadt Bochum, damals führte Peter Zadek am Bochumer Schauspielhaus Regie. Nebenbei habe ich dort auch Theater gespielt. Ich war ein sympathischer Schauspieler, aber ich war nicht wirklich gut. Die Leidenschaft, die ich habe, wenn ich Musik mache, ist eine ganz andere. Aus mir wäre ein ganz angenehmer Schauspieler geworden, aber auch nicht mehr. Ich schrieb Musik für Theaterstücke und kleine Nachtrevuen. Von Anfang an bin ich also mehr in der Musik zu Hause gewesen. Dort fühlte ich mich einfach wohler. Wiener Zeitung: Ihre Musik wird in Österreich ganz besonders geschätzt. Warum kommen Sie hier so gut an? Herbert Grönemayer: Ganz am Anfang kam ich hier gar nicht an. Später ging es immer besser. Als wir dann einmal vor dem Rathaus spielen durften, hing Claus Peymann sogar die Bochumer Fahne vor das Burgtheater. Wir Preußen meinen, dass wir schon ganz weit sind, wenn wir es in Bayern schaffen. Darüber nachzudenken, auch in Österreich so weit zu kommen, ist völlig absurd. Ich habe auf meiner zweiten Platte ein Lied geschrieben, das hieß "Ich hab dich lieb". Ö3 hat dieses Lied gespielt. Es war einer meiner ersten Texte, ziemlich grauenvoll. Dann haben wir hier in der Stadthalle gespielt und die Leute riefen immer "Ich hab dich lieb". Ich fand das ganz nett, nur konnte ich so schnell gar nicht nachvollziehen, was sie eigentlich wollten. Allmählich riefen das aber immer mehr Menschen. Also ließ ich mir das Lied auf die Bühne bringen, denn ich wusste gar nicht mehr, wie es geht. Hinter der Bühne haben wir es dann geübt und schließlich auch gespielt. Seither spielen wir es immer, aber nur in Österreich. Dieses Lied kennt sonst niemand. Wiener Zeitung: Wie entstehen Ihre Platten? Arbeiten Sie eher langsam und stetig oder hektisch und chaotisch? Herbert Grönemayer: Bei meiner letzten Platte "Mensch" gab es bis kurz vor dem Veröffentlichungstermin noch keinen einzigen vollständigen Text, bloß Fragmente. Wenn ich dann aber anfange zu arbeiten, höre ich nicht mehr auf. Ich brauche den Druck und auch das Chaos. Damals bin ich um ein Uhr Früh vom Studio nach Hause gefahren, habe bis morgens um fünf getextet, bin um zehn ins Studio gegangen, habe die neuen Texte auf Probe gesungen, alles mischen lassen, mir die Mischung angehört, alles noch einmal neu gesungen und so fort. Einen Monat lang habe ich so rund um die Uhr gearbeitet wie im Vollrausch. Ich arbeite bis zur allerletzten Sekunde. Das macht die Leute um mich herum sehr nervös, auch die Plattenfirma, weil die es mit der Angst zu tun bekommt, dass ich vielleicht doch noch sage: "Das wird alles nichts". Ich treibe die Leute also gewissermaßen in den Wahnsinn. Aber das Spiel endet eben erst in der letzten Sekunde. Man kann auch dann noch ein Tor machen – und so lange höre ich nicht auf. Das kann nervös machen, aber auch furchtbar viel Spaß. Wiener Zeitung: Dürfen sich Ihre Mitarbeiter denn ebenso einbringen? Herbert Grönemayer: Das müssen sie sogar. Das ist die einzige Chance mitzuarbeiten. Wir sind inzwischen ein wirklich großes Team. Auf Tour sind wir 140 Leute, im engeren Kreis 25. Wir arbeiten zum Teil bereits 20 oder 25 Jahre zusammen. Das kenne ich eben auch vom Theater: Wir haben keine geregelten Arbeitszeiten, es wird völlig durcheinander gearbeitet. Wenn wir Glück haben, haben wir aber mit dem, was dabei herauskommt, viel Freude. Wiener Zeitung: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation der Plattenindustrie, die ja in der Regel als sehr schwierig betrachtet wird?
Herbert Grönemayer:
Die Plattenindustrie hat Ende der 80er-Jahre, als der Wechsel auf die CD kam, ihre Umsätze nur noch mit CDs gemacht. Die Künstlerverträge liefen damals alle noch auf Plattenbasis. Die Platte kostete 17 Mark, die CD 33. Die Plattenindustrie hatte also eine zusätzliche Gewinnspanne von etwa 10, 12 Mark, die sie nicht an die Künstler abführte. Dadurch hatte sie Anfang der 90er-Jahre einen unglaublichen Umsatz, musste dafür aber nicht wirklich arbeiten. Man musste eher aufpassen, dass die Gewinne nicht allzu hoch wurden, damit sie im nächsten Jahr nicht wieder übertroffen werden mussten. Die gegenwärtige Krise der Plattenindustrie hat ganz massiv mit diesem Hochmut, mit diesem Wahn der 90er-Jahre zu tun. Und dann gingen viele auch noch an die Börse. Börse und Kunst vertragen sich aber nicht. Ein Künstler kann nicht alle drei Jahre eine Platte machen, von der er noch mehr verkauft als von der Platte zuvor. Das ist unmöglich. Darüber hinaus wurde mit dem Börsengang zusätzlich noch mehr Geld lukriert, als vorher mit dem CD-Betrug. Wiener Zeitung: Sie sind bereits über 20 Jahre im Geschäft. Weshalb glauben Sie, konnten Sie sich so lange halten?
Herbert Grönemayer:
Ich habe in Feuerwehrzelten vor Besoffenen gespielt, die am Tisch lagen und wirklich nicht zuhören wollten, und in Jugendheimen, wo nur drei Leute waren. Ich habe die ganze Bandbreite durchgespielt, habe alle Niederlagen, die man als Sänger erleben kann, erlebt. Ich habe auf dem Tanzboden in Köln gesungen. Bei jeder Veranstaltung hieß es nur: "Geh nach Hause, du schwule Sau." Sie haben mir die Klaviertasten geklaut, haben mich ausgepfiffen. Doch ich habe mir gedacht: "Es ist mir scheißegal. Ich singe weiter". Bis nicht der letzte Ton gesungen ist, glaube ich nicht, dass ich verloren habe. Ich habe alle Krämpfe und Kämpfe erlebt, die man auf einer Bühne nur erleben kann, auch am Theater. Dort haben sie mich ausgepfiffen, oder die Leute sind eingeschlafen oder hinausgegangen. Dadurch weiß ich mittlerweile, was es heißt, auf einer Bühne zu stehen und Spannung aufzubauen und diese auch zu halten. Wiener Zeitung: Eine gewisse Kompromisslosigkeit ist also wichtig? Herbert Grönemayer: Ja, absolut. Ich würde sagen, man braucht 70 Prozent Kompromisslosigkeit und 30 Prozent Kompromissfähigkeit, um am Ende nicht bloß das zu hören, was die anderen sagen. Freilich: Zu denken, man hätte die Weisheit mit dem Löffel gefressen, ist die andere Seite Gefahr. Das Wichtigste aber ist, dass ich, seitdem ich denken kann, unheimlich viel Freude an der Musik habe. Das ist wirklich ein Geschenk, dazu habe ich nichts beigetragen. Ich habe das Glück, etwas geschenkt bekommen zu haben. Der liebe Gott hat sich vielleicht etwas dabei gedacht, was auch immer es sein mag. Er hat mir diese Musik mitgegeben und sie ist für mich das Wertvollste, abgesehen von meiner Liebe zu meinen Kindern und zu meiner Frau. Deshalb wünsche ich auch jedem, dass er in seinem Beruf das Glück hat, das zu tun, was er wirklich tun und was er wirklich erleben möchte. |