| Dekadenz
oder Faschismus. Gibt
es ein Jenseits von Ohnmacht und Gewalt?
Copyright: Eugen-Maria Schulak
Wer eine historische Epoche in ihren wesentlichen Zügen beschreibt, ist notwendigerweise selbst in die Beschreibung involviert, hat demnach ein erkenntnistheoretisches Problem, das man im Rahmen der Philosophie einen hermeneutischen Zirkel nennt. Verkürzt lässt sich dieser Zirkel wie folgt charakterisieren: Was dem Herzen gefällt, das suchen die Augen. Und was dem Herzen nicht gefällt, das suchen die Augen ebenso, nur in anderer Art und Weise. So viel zur Objektivität. Wer keine historische Epoche, sondern die Gegenwart beschreibt, für den verschärft sich das hermeneutische Problem noch weiter, womöglich bis zur Blindheit, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist der Beschreibende selbst in die Gegenwart verstrickt, mit ihr verwoben und steckt ganz tief in ihrem Filz. In all seinen Gedanken und Gefühlen lebt diese Gegenwart in ihm, so dass Offensichtliches nicht mehr zutage tritt. So sieht er gleichsam den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Zum anderen sieht der die Gegenwart Beschreibende die Folgen seiner Handlungen noch nicht, und um so weniger, je unerprobter und neuartiger sie sind. Das kommt ebenso einer Blindheit gleich. Aussichtslos ist die Erkenntnis der Gegenwart deshalb trotzdem nicht. Denn immerhin: Man kann sie selbst erleben. Im Erlebnis der Gegenwart ist man unendlich viel reicher als man es in der Erkenntnis der Vergangenheit je sein könnte. Deshalb sind für Historiker ja stets auch jene Quellen die bedeutendsten, die am nächsten bei den Tatsachen sind. Als Gegenwärtige – gesetzt den Fall, dass wir überhaupt gegenwärtig sind – haben wir die Gegenwart direkt vor Augen, sind ihren geistigen und psychischen Wirkungen leibhaftig ausgesetzt. Wir können die relevanten Stimmungen und Gefühle unmittelbar empfinden. Und so können wir auch – freilich unter der Voraussetzung, dass wir hellsichtig sind – einfach sagen, was diese Zeit charakterisiert. Wir können sie in ihrem Wesen erkennen und dieses Wesen auch an scheinbaren Kleinigkeiten festmachen.
Theodor W. Adorno bemerkt während des Zweiten Weltkriegs, konkret 1944 in seinen „Minima Moralia“, dass Auto- und Kühlschranktüren nicht leise und behutsam zugemacht werden können, sondern dass man sie notwendig zuschlagen müsse. Ähnlich verhalte es sich mit den Schnappschlössern, die einem nicht mehr hinter sich blicken lassen, wenn man ein Haus oder eine Wohnung betritt, und die ebenfalls zuschlagen. An diesen Verhaltensweisen sehe man deutlich, in welcher Weise die Technisierung den Menschen „roh“ gemacht habe und inwiefern dem Menschen jede „Gesittung“ abhanden gekommen sei. Und im Politischen, so Adorno, bedeute die Sitte des Türenknallens um nichts weniger als „das Gewaltsame, Zuschlagende, stoßweis Unaufhörliche der faschistischen Mißhandlungen“. Das Türenschlagen sei demnach ganz typisch für die Zeit und ihren Verfall. Dieses hermeneutische Bravourstück verdient mehr als ein Achselzucken. Was wird hier demonstriert? Es wird demonstriert, wie ein ästhetisches Urteil das Spiegelbild eines ethischen ist, und wie es als ein Gesamt-Urteil die Zeit umfasst. Was wird hier als Bild gezeigt? Die Verrohung, das Eisen, die Gewalt, die der Faschismus ist. Und heute? In der heutigen Zeit? Heute lässt sich bemerken, dass einer Mutter, die ihren Kindern zwei warme Malzeiten am Tag zubereitet, Verachtung entgegenschlägt (Verachtung vor dem Leben und mangelnder Respekt). Es lässt sich bemerken, dass Buben in staatlichen Kindergärten dazu gezwungen werden, sich als Prinzessinnen zu verkleiden (seelische Grausamkeit und eine dumme Lust am Niedergang). Die Zerstörung von Seelen lässt sich bemerken. Und in dieser setzt sich die faschistische Misshandlung, von der Adorno einst sprach, auf eine beunruhigende Weise fort. Erstaunlich auch die Perfidie, mit der dies alles nahezu bewusstlos geschieht. Doch wie konnte es so weit kommen? Was hat uns so schlecht und blöde gemacht?
Entwickelt wurde der Dekadenz-Begriff im Rahmen der französischen Kultur des 17. Jahrhunderts, in der man in Anlehnung an das lateinische Verb cadere (fallen, sinken) den Begriff décadence dafür ersann, einen Verfall des Geschmacks anzuzeigen. Später, im 18. Jahrhundert, bezogen Montesquieu und Edward Gibbon in ihren historischen Werken décadence dann auf den Untergang des römischen Reiches. Auch Jean-Jacques Rousseau machte sich diesen Begiff zu eigen. Im Rahmen seiner Unterscheidung von Kultur und Natur verwendete er décadence, wenn auch selten, um unsere Zivilisation mit ihren modernen kulturellen Werten als etwas Negatives zu bewerten. Paul Verlaine und Charles Baudelaire gründeten im späten 19. Jahrhundert dann eine literarische Bewegung, die sich der décadence verpflichtet fühlte. Die bürgerliche Welt mit ihren Normen wurde abgelehnt. Was blieb, war eine gesteigerte Vorliebe für die Kunst, ein Ästhetizimus, ebenso wie eine gesteigerte Sensitivität für alles Perverse, Exotische und Rauschhafte. Diese schillernde, suchtartige Stimmung nährte sich aus dem im Fin de Siécle verbreiteten Bewusstsein, das Ende einer Kulturepoche zu erleben. In etwa zur gleichen Zeit schrieb Friedrich Nietzsche an Malwida von Meysenbug die folgenden Zeilen: „Ich bin, in Fragen der décadence, die höchste Instanz, die es jetzt auf Erden gibt. [...] Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine feiner Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par exellence dafür – ich kenne beides, ich bin beides.“ Nach und nach, so Nietzsche – der seine Philosophie der décadence vor allem in „Ecce Homo“, „Antichrist“ sowie in seinem umfangreichen Nachlass entwickelt – habe sich ihm ein schmerzliches, ein schauerliches Schauspiel offenbart: „Ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des Menschen. [...] Ich verstehe Verdorbenheit im Sinne von décadence: meine Behauptung ist, dass alle Werte, in denen jetzt die Menschheit ihre oberste Wünschbarkeit zusammenfasst, décadence-Werte sind. [...] Ich nenne ein Tier, eine Gattung, ein Individuum verdorben, wenn es seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm nachteiligt ist. [...] Das Leben selbst gilt mir als Instinkt für Wachstum, für Dauer, für Häufung von Kräften, für Macht: wo der Wille zur Macht fehlt, gibt es Niedergang. Meine Behauptung ist, dass allen obersten Werten der Menschheit dieser Wille fehlt – dass Niedergangs-Werte, nihilistische Werte unter den heiligsten Namen die Herrschaft führen.“ Habe man die Anzeichen des Niedergangs einmal verstanden, so verstehe man auch die Moral und all das, „was sich unter ihren heiligsten Namen und Wertformeln versteckt: das verarmte Leben, der Wille zum Ende, die große Müdigkeit.“ Immer schon, so Nietzsche, hätten Philosophen und Priester dieses verarmte Leben gepredigt, „daher die Umwertung aller Werte ins Lebensfeindliche, daher die Moral ... Definition der Moral: Moral – die Idiosynkrasie von décadents, mit der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen.“ Am Leben rächen, mit Hilfe von Moral, wollen sich laut Nietzsche die, die im Leben zu kurz gekommen sind. Ihre décadence besteht darin, die Realität zu verleugnen und in der Folge zu wollen, dass auch all jene, die nicht zu kurz gekommen sind, das Zu-kurz-Kommen am eigenen Leib erfahren. Das ist die Rache. Und für diese Rache werde die Moral benutzt. Die Schwachen sollen, wenn sie schon nicht die Starken sein können, zumindestens die Guten sein: „Das Jasagen zur Realität ist für den Starken eine ebensolche Notwendigkeit, als für den Schwachen die Feigheit und Flucht vor der Realität [...] Die décadents haben die Lüge nötig – sie ist eine ihrer Erhaltungs-Bedingungen.“ – „Die soziale Frage“, so Nietzsche, „ist bloß eine Folge der décadence“. Zwei Typen von Moral gelte es nicht zu verwechseln, die eine, mit der sich „der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende décadence wehrt“ und eine andere Moral, „mit der eben diese décadence sich formuliert, rechtfertigt und selber abwärts führt. Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein; die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und ‚schönen Gefühle‘ für sich. [...] dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistisch ist, die das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die Schwäche der Persönlichkeit ist, so dass sie mitklingt und wie eine überreizte Saite beständig zittert.“ Woher kommen Werte? Kann man sie willkürlich setzen? Nietzsche verneint und gibt Antwort: „Wenn wir von Werten reden, reden wir unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst zwingt uns, Werte anzusetzen, das Leben selbst wertet durch uns, wenn wir Werte ansetzen.“ Nicht dass Nietzsche keine Werte hätte: „Wovor ich warne: die décadence-Instinkte nicht mit der Humanität zu verwechseln; die auflösenden und notwendig zur décadence treibenden Mittel der Zivilisation nicht mit der Kultur zu verwechseln.“ Letztlich, so Nietzsche, sei décadence aber ein dem Menschen je eigenes und damit persönliches Problem, das sich bloß in seinem massenweisen Auftreten in einem Gesamt-Verfall häufe. So seien etwa „die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, Anzeichen dafür, dass die Defensiv-Kraft der starken Natur fehlt“. Auch mit einem Erlebnis nicht fertig zu werden, sei bereits ein Zeichen von décadence: „Dieses Wieder-Aufreißen alter Wunden, das Sich-Wälzen in Selbstverachtung und Zerknirschung ist eine Krankheit mehr, aus der nimmermehr das ‚Heil der Seele‘, sondern immer nur eine neue Krankheit derselben entstehen kann.“ Für die Zukunft sieht Nietzsche bereits 1888 Jahren schwarz: „Den Konservativen ins Ohr gesagt: eine Rückbildung, eine Umkehr in irgendwelchem Sinn und Grade ist gar nicht möglich. [...] Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen Schritt für Schritt weiter in der décadence (- dies meine Definition des modernen ‚Fortschritts‘ ...). Man kann diese Entwicklung hemmen und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln, vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht.“ Auf Grund schwerer körperlicher Krankheit, die auch seinen Geisteszustand in Mitleidenschaft zog, fiel Friedrich Nietzsche 1890 in die Umnachtung und starb 1900 im Haus seiner Schwester in Weimar. Seine Gedanken stehen freilich immer noch im Raum: Kultur versus Zivilisation, aristokratischer Instinkt versus Herdentrieb, Faschismus versus Dekadenz, Gewalt versus Ohnmacht – man bekommt Herzklopfen, wenn man diese Dinge durchdenkt. Durchdenken wir sie gut!
Und fragen wir danach, ob es nicht ein Jenseits von Ohnmacht und Gewalt
gibt, eine Welt, in der wir uns des politischen Mittels zunehmend weniger
bedienen und in der wir uns selbst in unsere Freiheit und damit in unsere
Selbstverantwortung entlassen. Tertium datur!
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