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Daimon.
Über die Motive philosophischen Denkens

Wien 2001
WUV - Wiener Universit�tsverlag
188 Seiten, broschiert, EUR 18,-
ISBN 3-85114-565-8

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Diese prägnant formulierte Abhandlung spürt jenen Kräften nach, die als die eigentlichen Antriebe des Philosophierens verstanden werden können. "Daimon" meint das pers�nliche Los, den inneren Zufall, jenen Zustand, den es lebenslang zu meistern gilt. In einem originellen Zugriff auf zentrale Probleme europäischen Denkens gelingt es dem Autor, verborgene Motive des Philosophierens zur Sprache zu bringen. Den Rahmen bildet eine neuartige Typologie, der die Annahme von sechs unterschiedlichen Weltbildern beziehungsweise Denkstilen zugrunde liegt. Diese werden in gegensätzlichen Paaren arrangiert: Lust und Schmerz, Vernunft und Wille, Macht und Perspektivität.

 


Buchpräsentation
7. Juli 2001, Siemens Forum Wien

Veranstalter: Wiener Universitätsverlag und Siemens Forum Wien
Begrü�ung:  Mag. Karl Wessely (Leiter Siemens Forum Wien),
                   Mag. Roland Meier (Vorstand Facultas AG)
Film:            Eugen-Maria Schulak, Philosophische Praxis (ORF 2001)
Lesung:        Götz Kauffmann
Diskussion:  Philosophische Obsessionen oder: Was uns zum Denken treibt
                   mit Univ.-Prof. Dr. Norbert Leser, Univ.-Prof. Dr. Konrad Paul
                   Liessmann und Dr. Eugen-Maria Schulak

Moderation:  Dr. Peter Dusek

 


Textauszug 1: Aufriss
auf Fussnoten wurde im Internet verzichtet


�1 Mythos
In der älteren griechischen Literatur wurde das Wort "Daimon" ebenso wie das Wort "Theos" zur Benennung des Göttlichen verwendet. Doch während "Theos" einen Gott benannte, der im kultischen Leben Bedeutung besaß, stand "Daimon" f�r eine dunkle und rätselvolle Kraft. Diese teilte den Menschen ihr Lebenslos zu.
Dieses Zuerteilte konnte dem Einzelnen zum Vorteil oder zum Nachteil gereichen. Es war imstande, ihn glücklich (eu-daimon) oder unglücklich (kako-daimon) zu machen. Jedes Wesen hatte mit seinem Daimon zu leben: Die Bindung begann mit der Geburt und endete mit dem Tod.

�2 Heraklits Interpretation
Der erste Versuch einer philosophischen Deutung bestand aus drei verflochtenen Worten: "Ethos Anthropo Daimon". Übersetzt man bloß das mittlere dieser Worte, so lautet der Satz: "Das Ethos ist dem Menschen Daimon". "Ethos" heißt nun so viel wie "Haltung", "Verhalten", "Eigenart", "Wesen", "Gesinnung" und "Sitte", so viel wie in sich selbst begründete Art des Charakters und des Denkens, moderner formuliert: Individualität. "Daimon" wiederum bedeutet sowohl "Zuteiler" als auch "Schicksal". - Eine mögliche Übersetzung wäre demnach: "Des Menschen Eigenart ist sein Schicksal".

�3 Platons Interpretation
In der "Apologie", der Verteidigungsrede des Sokrates, ließ Platon den angeklagten Philosophen sich auf sein "Daimonion" berufen: Es habe ihm immer schon als Entscheidungshilfe beigestanden, falls er unsicher gewesen sei und "irgendwie unrichtig" habe handeln wollen. Es sei stets seine "warnende Stimme" und sein "göttliches Zeichen" gewesen, auf das er sich verlassen habe.
Ausdrücklich vom Daimon selbst, vom Schicksal, schrieb Platon dann im "Staat", wo er sich gegen die Notwendigkeit und f�r die Freiheit aussprach: "Nicht wird ein Daimon euch erlosen", heißt es, "sondern ihr werdet euch einen Daimon wählen [...] den Lebenslauf wählen, mit dem [...] [ihr] dann notwendig verbunden bleibt. Schuld hat, wer gewählt hat; Gott ist schuldlos".

�4 Goethes Interpretation

DAIMON
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Goethe, der dem Daimon die erste Stanze seiner "Urworte. Orphisch" widmete, kommentierte diese selbst wie folgt: "Der Daimon bedeutet hier die notwendige, bei der Geburt unmittelbar ausgesprochene, begrenzte Individualität der Person, das Charakteristische, wodurch sich der Einzelne von jedem Anderen bei noch so großer Ähnlichkeit unterscheidet. [...] Man möchte [...] gar wohl gestehen, daß angeborene Kraft und Eigenheit mehr als alles Übrige des Menschen Schicksal bestimme. [...] Dieses feste, zähe, dieses nur aus sich selbst zu entwickelnde Wesen kommt freilich in mancherlei Beziehungen".

�5 Daimon und Dämon
"Daimon" nahm noch in der Antike die Bedeutung des heutigen "Dämon" an. Man stellte sich zunehmend eine Person vor, ein gottähnliches Wesen niederen Ranges, ein Mittleres zwischen Göttern und Menschen. Das christliche Denken formte "Daimon" dann zur rein teuflischen Figur: Legionen finsterer Gestalten bevölkerten demnach die niederen Sph�ren des Himmels, und einen Dämon dachte man sich als das Resultat der Sünde, der geschlechtlichen Vereinigung zwischen Teufel und Frau, als ein Wesen halb Tier und halb Mensch. Die Unzahl an Dämonen, von denen die ersten Wüstenväter geplagt wurden, waren, so denken wir heute, bloß die Folgen exzessiv betriebener Askese. Als Spiegelung unbewusster Wünsche, als ureigenes Ethos, kamen "die Dämonen" schmerzlich zu Bewusstsein.

�6 Provokation
Des Menschen Ethos liegt meist im Verborgenen. Wiewohl als Hintergrund des Bewusstseins allgegenwärtig, braucht es einen Anlass, um offensichtlich zu sein. Je zwingender ein Anlass es erfordert, desto bestimmter tritt der Daimon auf die Bühne. Je extremer die Umstände sind, desto deutlicher zeigt er seine Gestalt. In der Liebe, im Krieg, in der Kunst und auch beim Philosophieren zeigt sich des Menschen Eigenart am eindrucksvollsten.

�7 Versessenheit
"Daimon" meint das persönliche Los, den inneren Zufall, den Zustand, den es zu meistern gilt. Ob "Daimon" oder "Dämon", einerlei: Es handelt sich um etwas, von dem wir besessen, auf das wir ganz und gar versessen sind, weil dieses "Etwas" uns ausmacht, weil wir es selber sind. Auch muss man nicht dem Schicksal oder gar Dämonen gläubig verfallen sein, um an sich selbst eine Gestimmtheit existentiellen Themen gegen�ber beobachten zu können. Diese Tendenzen haben potentielle Kraft, genug, um zu Motoren und Wegweisern des Denkens zu werden.
Philosophie, als Reflexivität, als Verwandlung ins Klare und Deutliche, ist eine Form der Antwort auf die Fragen, die uns der Daimon stellt.

�8 Anfang und Ende
Die Frage nach der Herkunft der Gestimmtheit liegt freilich nahe. Das Denken aber findet kaum Konkretes vor, um zu plausiblen Thesen zu gelangen. Darum ist hier Zurückhaltung geboten. Psychologen hingegen versuchen zu erklären: Sie sprechen von "erblichen Prädispositionen", von "Konditionierungsmustern", "Komplexen" oder "Archetypen" - womit sie dem Rätsel aber doch bloß neue Namen geben.
Die Herkunft der Gestimmtheit ist kein Thema der Philosophie. Sie ist aber implizit von Bedeutung, weil die Gestimmtheit Philosophie letztlich verursacht. So wird man als Philosophierender stets geneigt sein, die eigene Stimmung philosophisch zu erhärten. Man wird sie stillschweigend als Basis seines Denkens akzeptieren, als Motivation und als den letzten Grund. Die Richtung ist damit vorgegeben. Alle Register können gezogen werden. - Und wozu? Um sich selbst zu beweisen!

�9 Gewissheit
Dies ist vielleicht das tiefste Geheimnis des philosophischen Denkens: Es ist nur scheinbar auf der Suche. Denn seine Wirklichkeit bedeutet, so pathetisch es auch klingen mag, Offenbarung und Wesensschau, Entwicklung und Ausweitung von dem, was in einem ist bzw. sich willkommen eingefunden und ungehindert aufgedrängt hat. Alle Erfahrungen, alle Gespräche, das Lesen und Studieren, tragen bei, auszuprägen und zu fördern, was schon vorhanden ist. Am Ende versucht Philosophie dann nur mehr sprachlich überaus exakt zu treffen, was sie seit jeher angespornt und in die Bahn geworfen hat. Sie wird zum "Selbstbekenntnis ihres Urhebers", wie es Nietzsche formulierte.
Weit entfernt von Kathederweisheit, den Höhen des Elfenbeinturms und intellektueller Geschäftigkeit, entspricht Philosophie, in ihrem Ursprung, einem Prozess des Hochkommens und Erbrechens. Erbrochenes ist das, was seinen Lauf hat nehmen, was hat hochkommen müssen, weil es nicht im Dunkeln bleiben konnte, ist offenbartes Verborgenes, das nun bruchstückhaft vorliegt. Das Erbrechen, als ein unwillkürlicher Akt, �berkommt uns, und wir müssen ihm beikommen. Es befreit uns, weil es uns zutiefst erschüttert. Werden wir beim Erbrechen beobachtet, so bieten wir das Bild des Ausgeliefert-Seins an die dringliche Notwendigkeit. Wir verlieren die Beherrschung und sind völlig bloßgestellt.

�10 Befindlichkeit
Eines sollte dabei aber nie vergessen werden: Dass wir "schon immer gestimmt" sind, uns immer schon so oder so befinden und wir niemals als Tabula rasa zu denken beginnen.
Das, was Aristoteles als Anfang allen Denkens, als das initiale Moment bezeichnet hat - das Staunen -, war f�r Heidegger die Befindlichkeit. Damit war keine Laune gemeint, kein flüchtiger Gefühlszustand, sondern eine Erschließungsweise, d.h. eine Form, in der wir uns die Welt aufschließen und aneignen. Heidegger sah die Befindlichkeit grundlegend. Sie mache erst einmal deutlich, "wie einem ist und wird" und sei dann das Medium, in dem unser Denken und Handeln geschieht.
Nun kann dieses Medium freilich niemals neutral sein. Wie das Staunen ist auch die Befindlichkeit individuell gefärbt. Man staunt oder befindet immer �ber ganz bestimmte Sachverhalte. So wird die Befindlichkeit grundlegend für den Bezug zur Welt - sie stiftet. Das bedeutet, dass wir unseren ersten Bezug zur Welt gar nicht bewusst herstellen k�nnen, weil wir uns immer schon, auf Grund unserer Befindlichkeit, in einer Welt befinden. Das bedeutet, dass wir den Platz, den wir in der Welt angewiesen bekommen haben, vorweg einmal annehmen und einnehmen müssen, bevor wir weiter denken können. Die Befindlichkeit in ihrem Welt entdeckenden und jedes Verstehen begleitenden Charakter begründet eine Tendenz.

�11 Ernüchterung
Es ist daher schlichtweg unmöglich, in der Funktion eines neutralen Beobachters über die Menschen und ihre Welt zu denken, eine objektive Bewertung des Gesamtprozesses ist von vornherein nicht zu leisten. Unsere Tendenz hält uns im Subjektiven fest, unser Votum hat zwangsläufig hypothetischen Charakter.
Diese vorwiegend spätmoderne und überaus ernüchternde Einsicht hat die meisten Philosophen schon längst um ihre Illusion gebracht, mit Pathos die Wahrheit sagen zu können. Die meisten sind zu Spielern geworden. Sie spielen mit den Worten und Werten, an die sie nicht mehr glauben können, sie spielen, um doch noch etwas zu sagen zu haben, um nicht verstummen zu müssen.

�12 Hoffnung
Unterliegt so auch jede Philosophie notwendig der Befindlichkeit ihres Verfassers, heißt das noch lange nicht, dass ihre Qualität, Glaubwürdigkeit und Wahrheit prinzipiell in Zweifel stehen. Ist auch der Philosoph, wie jeder Mensch, ein Einzelner, der letztlich nur für sich selber zählt, so ist doch diese Einzigkeit sehr wohl imstande, an ein Ziel zu gelangen. Und dieses Ziel kann wahrlich mehr bedeuten als bloß die Niederschrift einer Befindlichkeit. Geistiger Mehrwert kann entstehen, um dann im nächsten Menschen, der ihn empfinden und auch nachvollziehen kann, lebendig zu werden und die zuvor gesetzte Wahrheit erneut zu entfalten.

�13 Obsessionen
Aber geht es bloß um das "Feuer" im Philosophen, um das, zu dessen Beweis er geglaubt hat, antreten zu müssen? - In jedem Fall muss alle Philosophie, sofern sie nicht bloß akademisch motiviert oder Wortakrobatik ist, ein Anliegen haben. Und oft sind es regelrechte Obsessionen, die einem Denken Ausdruck und Nachdruck verleihen.
Obsessionen sind unmissverständliche Bekenntnisse. Den Feind scharf im Visier, verachtet der Besessene das milde Lächeln der Weisheit. So wie ein Trichter die Flüssigkeit zwar einengt, doch dann beschleunigt auf ein Ziel zulaufen lässt, haben Besessene einen verengten, doch daf�r scharfen Horizont. Sie sprechen sich aus, treten f�r etwas ein, zeigen Profil. Freilich kommen Obsessionen einem Besetztsein, einer Blockade gleich, und der Psychologe versteht sie als mit Furcht verbundene Zwangsvor- stellungen und Zwangshandlungen. Doch eines ist gewiss: Dort, wo der Philosoph es leid ist, wissenschaftlich zu sein, und also endlich bekennt, ist dies immer, falls er tatsächlich etwas zu sagen hat, ein bestechendes hermeneutisches Schaust�ck.

�14 Leidenschaft
In der Regel sind Obsessionen leidenschaftlicher Natur, und nur durch Pathos ist ihrer Intimität beizukommen. Immer ist Leidenschaft im Spiel, wenn etwas Privates auf dem Spiel steht, denn hat das Intime und Private sich einmal philosophisch verdichtet, führt dies notwendig in den Bereich des Exzentrischen, in den Bereich des extremen Geschmacks. Und ist man einmal dort angelangt, wird Leidenschaft regelrecht provoziert. Philosophen jedoch dafür zu strafen, dass etwas von ihrer Seelenmasse �ber die Mauer der Scham hinweggeschwappt ist und den kostbaren Logos befleckt hat, bedeutet kleinmütiges Denken. - Nur f�r die Engstirnigen liegt die Wahrheit im Trockenen.

�15 Triumph und Fall
Wenn einer Neigung philosophierend auf den Grund gegangen wird, gewinnt sie zunehmend den Anschein einer auf tieferer Einsicht fußenden, frei gewählten, geistigen Haltung, deren höhere Rechtfertigung vom Prozess des Philosophierens dann auch erbracht wird. Dieser Vorgang kommt einem hermeneutischen Zirkel bzw. einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleich. Er ist die spirituellste Form der Onanie sowie der Normalfall ertragreichen Philosophierens.
Doch ganz einfach und gefahrlos ist die Sache nicht. Denn beim Denken öffnet sich notwendig auch der Horizont f�r geistig Andersartiges und Fremdes. Und dieses Fremde kann das Eigene derart in Frage stellen, dass es sich rettungslos im Widerspruch verstrickt und dem Denkenden das Vollgefühl der Wahrheit nachhaltig abhanden kommt. So werden schwindelerregende Einsichten möglich, frühere Wahrheiten als fundamentale Irrtümer erlebt.
Einer nun, der derart zerrissen wird, kommt unwiederbringlich um den philosophischen Genuss, das ursprünglich Erahnte mit dem nachträglich Erkannten geistig zu harmonisieren. Womöglich wird er gar in seinem abgekühlten Denken nach und nach erfrieren, was man Zynismus nennt. Fraglich bleibt auch, ob die im Zweifel neu erkannte Wahrheit jemals zu einer geistigen Heimat werden kann. Und zu befürchten ist, dass ein Denken ohne tiefere Bindungen existentiell zutiefst sinnlos wird. Doch das Gift der Skepsis gehört notwendig zur Praxis der Philosophie. Ohne seine subversive Kraft bliebe das Denken auf ewig an der Oberfläche. Die höchste Kunst ist freilich, dieses Gift auch maßvoll zu benutzen; den Faden zu verlieren, ist nicht das Ziel.


Zum Folgenden

Wie aus den bisherigen Paragraphen deutlich wird, kann man das je eigene Denken als ein Schicksal verstehen. Philosophie erscheint so als Besessenheit, die Dramatik und der existentielle Ernst stehen im Brennpunkt.
Der folgenden Abhandlung liegt nun die Annahme von sechs Denkstilen zugrunde, welche jeweils ein konkretes geistiges Schicksal bedeuten. Jedes dieser Schicksale wird anschaulich beschrieben. Dabei dienen philosophische Zitate, lyrische Bilder und mancherlei Polemik dazu, alles möglichst plastisch vor Augen zu f�hren. Um Kontraste zu erzielen, findet der Leser diese Denkstile in Form von gegensätzlichen Paaren arrangiert: Lust und Schmerz, Vernunft und Wille, Macht und Perspektivität stehen einander gegenüber. Wenn man will, kann die Gesamtstruktur schließlich noch als eine dualistische betrachtet werden, welche am ehesten den Begriffen "Optimismus - Pessimismus" entspricht.

Die vorliegende Komposition erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sowohl was die Zitate, als auch was die Anzahl an Denkstilen selbst betrifft. Sie ist von fragmentarischem und experimentellem Charakter und auch nur begrenzt im Sinne einer Typologie zu verstehen. Vielleicht sollten bloß disparate Stimmen zum Klingen gebracht werden, die heute ja aus jedem Philosophen sprechen - oder sollten in der Tat geistige Grundhaltungen beschrieben werden? Wie auch immer: Es handelt sich um einen eigenwilligen Zugang, unter Umständen um eine Vergewaltigung, auf jeden Fall aber um etwas mit Obsession Verfasstes. - Möge den Leser diese Begeisterung erreichen!

 

Textauszug 2: Junge Sonne - Schwarzes Loch

Vorspiel

Einstmals saß Heraklit am Strand und dachte nach. Nicht eine einzige der Theorien über die Sonne konnte ihn befriedigen. Technische Hilfsmittel waren nicht vorhanden und fragen konnte er bloß obskure Priesterinnen, die in dampfenden Felsspalten hockten und wahrlich keine Hilfe waren. Heraklit - der Dunkle - wurde, je länger er nachdachte, immer missmutiger. Er hatte keine Fakten, auf die sein Denken bauen konnte. In seiner Verzweiflung ließ er sich seufzend auf den Rücken fallen.
Nach einer Weile streckte er sein rechtes Bein in die Höhe und richtete es gegen die Sonne aus. Er schloss das linke Auge, schob den Kopf etwas nach hinten, änderte noch ein wenig die Stellung seines Fußes und blieb dann wie erstarrt liegen. Eine Magd, welche ihn aus sicherer Entfernung beobachtete, schüttelte den Kopf und grinste. Heraklit blieb regungslos. Dann plötzlich begann er schallend zu lachen. Er holte sein Täfelchen und den Griffel aus der Tasche und schrieb: "Die Sonne hat die Breite", und er lachte lauthals, "eines menschliches Fußes".
"Die Sonne ist unbezwingbar", dachte er später bei sich. Endlich stand er auf, schüttelte den Sand von seinen Füßen und ging ernst nach Hause.


Spiel

Im All begann sich eine umfangreiche Wolke aus Staub und Gas derart zu ballen, dass es auf Grund der Dichte zu einer Kernreaktion kam. Ist der Brennstoff einst verbraucht, erlischt das Feuer wieder. Den größten, massereichsten Sonnen aber, jenen, welche am hellsten strahlen, steht ein mysteriöses Ende bevor: Sie brennen nicht nur aus, sondern brechen haltlos in sich selbst zusammen, intensivieren sich ins Unermessliche und "verschwinden" schließlich - doch nicht spurlos: An ihrer Stelle klafft ein Schwarzes Loch. Und dieses Loch ist weder tot noch leer. Es wirkt, wenn auch posthum, und zieht, was es nur kriegen kann, in sich hinein.


Ein Telefon l�utet mehrmals

S c h w a r z e s L o c h (hebt ab) Hallo, wer spricht?
J u n g e S o n n e (am anderen Ende der Leitung) Oh, entschuldigen Sie vielmals. Falsch verbunden.

Beide legen auf, nach ca. 20 Sekunden erneutes L�uten

S c h w a r z e s L o c h (hebt ab) Ich nehme an, Sie sind es wieder?
J u n g e S o n n e (am anderen Ende der Leitung) Das verstehe ich nicht. Scheinbar habe ich wiederum falsch gewählt. Aber ich habe doch ... verzeihen Sie mir ...
S c h w a r z e s L o c h Kein Problem. - Irgendwann erreichen sie mich alle.
J u n g e S o n n e (interessiert) Was meinen Sie damit?
S c h w a r z e s L o c h Sagen Sie, was halten Sie von der Lust?
J u n g e S o n n e (z�gert) Nun, - - ich denke sie ist die Basis. - - - Ich persönlich halte sie in Ehren, indem ich sorgsam auf sie achte. - - Am größten ist sie freilich dann, wenn sie, gleich einem Pendel, stetig schlägt. So halte ich die Lust am Leben, ein Leben lang.
S c h w a r z e s L o c h (forsch) Und Schmerzen haben Sie nie?
J u n g e S o n n e Ja freilich hab ich Schmerzen, doch ich habe sie im Griff. Denn meine Lust geht nie so weit, als dass sie f�r mich Schmerzen bringt. Und ist kein Schmerz mehr wahrnehmbar, ist das f�r mich die größte Lust. So summe ich und brumme ich, ich strahle und ich scheine - und habe kein Problem.
S c h w a r z e s L o c h Ich meine, Sie haben deshalb kein Problem, weil Sie die Lust nicht kennen. Denn das, was Sie mir hier erzählen, ist Sparsamkeit, ja fast schon Geiz. Und wer auf kleiner Flamme brennt, der kann leicht philosophisch leben.
J u n g e S o n n e (spitz) Und Sie, Sie sind verschwenderisch?
S c h w a r z e s L o c h Zwangsl�ufig, denn ich lebe. Ich lote aus und boote aus, ich treibe und ich dränge, und jedes Maß und jedes Ziel erscheinen mir als Zwänge. Doch glücklich bin ich nicht, ich leide, weshalb ich jede Lust nun meide.
J u n g e S o n n e (ungl�ubig) Das kann nicht sein!
S c h w a r z e s L o c h Oh doch, - bin keine Sonne mehr, bin L... . (lenkt ein) Sie haben Recht. - (bestimmt) Ich meide jede Lust im Groben. Die wahre Lust ist nämlich oben.
J u n g e S o n n e Wo oben?
S c h w a r z e s L o c h (euphorisch) Im Geist! Die Philosophie, die Kunst, der Glaube, sie geben Stille, Wahrheit, Frieden. Und hat man Frieden, Wahrheit, Stille, schweigt der Wille. - - (resigniert) Doch kurz ist alles Schweigen nur. - Und ich befürchte ...
J u n g e S o n n e Was?
S c h w a r z e s L o c h ... dass selbst das hohe Transzendente sich einst entpuppt als Zeitungsente, dass es nur Schein ist - unser Opium. (atmet schwer)
J u n g e S o n n e Sie Armer sind ja ganz erschöpft!
S c h w a r z e s L o c h (bestimmt) Was halten Sie von der Vernunft?
J u n g e S o n n e (nachdenklich) Sie ist das Werkzeug einer Zunft, der wir wohl beide angehören. - (irritiert) Doch wie kann man hier kritisch sein? Wie könnt' ich etwas von ihr "halten", da sie mich hält in ihrem Walten, da ich erst bin - aus ihr?
S c h w a r z e s L o c h (schweigt)
J u n g e S o n n e Sind Sie noch hier?
S c h w a r z e s L o c h Ich höre, doch ich kann's nicht glauben.
J u n g e S o n n e (eifrig) Ich fahre fort, wenn Sie erlauben. Diese Vernunft, sie ist die Kraft, die immer nur das Gute schafft. Sie ist das Göttliche und Reine, das Wahre, Rechte und das Eine. Sie ist in allem, auch in uns. (fr�hlich) Dank ihr erwachsen uns Antennen, die ew'ge Wahrheit zu erkennen. Was f�r ein Glück!
S c h w a r z e s L o c h (leise, f�r sich) Welch unschuldiges, dummes Stück!
J u n g e S o n n e Das Beste, das ist die Vernunft!
S c h w a r z e s L o c h Nun gut, soll sein. Doch eines nur: Der Mensch hat eine Triebstruktur. - Hat die nicht Kraft? Wiegt die nicht schwer? - Ist da der Geist nicht sekundär? Der Mensch ist Bestie, nicht Engel.
J u n g e S o n n e (indigniert) Sehe an mir nicht solche Mängel!
S c h w a r z e s L o c h Das soll ich glauben?
J u n g e S o n n e Sie glauben nicht?
S c h w a r z e s L o c h (kühl) Der Wurzelpunkt des Seins - sein Kern - ist bloß ein blindes, nacktes Wollen; im Zentrum steht kein Gott, kein Stern, sondern das sture, stete Sollen. So sind wir Sklaven unsrer Triebe. (seufzt) Das zwingendste Motiv, das sticht - - mitten ins Herz, - - - - bis es zerbricht.
J u n g e S o n n e (gerührt) Wie steht es mit der Liebe?
S c h w a r z e s L o c h (bitter) Kein Ziel, kein Licht am Horizont. Nur Einsamkeit und Leere. (noch bitterer) Von Liebe keine Spur.
J u n g e S o n n e (nachdenklich) Ach so, was machen wir da nur?
S c h w a r z e s L o c h Wie halten Sie es mit der Macht?
J u n g e S o n n e (forsch) Die hält wohl der, der singt und lacht; der voll und fest im Leben steht und immerzu aufs Ganze geht. Denn: - sowohl Liebe als auch Härte, sind gleicherma�en hohe Werte.
S c h w a r z e s L o c h Kein Mitleid mit der Kreatur?
J u n g e S o n n e (hart) Das Kreatürliche muss sterben. Das Schwache soll zu Grunde gehn. Wir haben Söhne - unsre Erben -, wir müssen in die Zukunft sehn. (heroisch) Wenn einst der Wille kommt zur Macht, entfaltet sich des Lebens Pracht.
S c h w a r z e s L o c h (absch�tzig) Vollkommenheit ist Illusion.
J u n g e S o n n e Ohne die Kraft von Illusionen sind wir gewöhnlich wie das Vieh.
S c h w a r z e s L o c h Das ist schon wahr. - (ärgerlich) Doch dieses "Wir" in ihren Reden, dies Pathos eines großen über-allgemeinen Ziels verursacht Schäden. - Auch das ist klar. - Der Schrecken folgt dann auf dem Fuß.
J u n g e S o n n e (schweigt)
S c h w a r z e s L o c h Hingegen: - Kann ein Denken reifen, hört es bald auf, sich zu versteifen auf die Gedanken seiner Jugend - um sie zu predigen - als Tugend. Der Vielfalt wird Respekt gezollt.
J u n g e S o n n e (schweigt)
S c h w a r z e s L o c h (eindringlich) Das heißt, die Vielfalt ist das Wahre; die Wahrheit selbst liegt auf der Bahre und wird versenkt in tiefe Zonen, wo all die andren Götter wohnen. - Das Perspektivische soll walten, soll seine Dominanz entfalten, erst dann gibt es Gerechtigkeit.
J u n g e S o n n e (schweigt)
S c h w a r z e s L o c h Sie sind so still.
J u n g e S o n n e (herb) Weil ich jetzt nicht mehr reden will; Sie böses, altes Schwarzes Loch.
S c h w a r z e s L o c h Oh weh! Ich bin enttarnt!
J u n g e S o n n e Garstiges Loch! (legt auf)

C h o r Nach all dem harten, zähen Ringen, muss sich das Loch nun selbst verschlingen.

S c h w a r z e s L o c h (verschlingt sich selbst)



Epilog

Die Verbindung der Perspektiven liegt im Gespräch. Doch soll sie nicht abreißen, muss das Gespräch sich wiederholen, immer und immer wieder, in unendlichen Variationen. Das Denken lebt in der Bewegung. Das Wesentliche ist der Prozess selbst.

Philosophie ist Lebensbegleitung. Zur Wissenschaft taugt sie nur bedingt, außer sie begnügt sich damit, bloß Philologie zu sein. Gerade heute, da uns Religion und Politik abhanden gekommen sind, da die Vereinsamung, die geistige Verwirrung und Verzweiflung zunehmen, braucht es Seelsorger, "Geistliche", außerhalb der Universitäten, vielleicht sogar "Missionare", auf jeden Fall Gesprächspartner.

Das Daimonische, das Ethische in uns ist zur Kenntnis zu nehmen. Ist es zur Kenntnis gelangt, können philosophische Kontakte erst eigentlich geknüpft werden. Nur im Bewusstsein, dass es "ist", kann sich das Denken finden und entwickeln - und schließlich lösen und zerstreuen. Unser Ethos freilich bleibt durch alle Zerstreuung hindurch die Basis, bis zuletzt, bis zum letzten Atemzug. Doch: Haben wir uns entwickelt, um wie viel befreiender wird dieser letzte Atemzug sein.