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Sprache und Denken
Schule
ist nicht dazu da, die herrschenden Modethemen und Ideologien
einschlägig diskutieren zu lassen, sondern es geht darum,
Grundwissen und vor allem Fertigkeiten zu vermitteln.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 25. Februar 2009
Wer heute an einer Hochschule oder
Universität geisteswissenschaftliche Fächer unterrichtet, der muss sich
beim Lesen von Klausuren mit einer erdrückenden Menge an sinnentleerten
Sätzen herumschlagen, die noch dazu schwere orthographische Mängel aufweisen.
Sucht man diesbezüglich das Gespräch mit Kollegen, um sicherzustellen,
nicht einer kulturpessimistischen Hysterie zu unterliegen, so hört man
immer wieder: Ja, mit der Beherrschung der Sprache liegt es tatsächlich
im Argen. Der meist gesenkte Blick, der dabei zu beobachten ist, spricht
Bände.
Die Ursache dieses Übels ist wohl in den Mittelschulen
und Gymnasien zu suchen, an denen ein gewisser Drill völlig aus
der Mode gekommen ist. Anstatt an der Sprache wie an einer wertvollen
Skulptur jahrelang zu feilen und nicht locker zu lassen, bis auch kleine
und scheinbar nebensächliche Details fest verankert sind, wird
eifrig diskutiert: Über die Klimakatastrophe, die Homoehe, die
Todesstrafe und die Mülltrennung, über Gentechnik, Multikulturalität,
Nazis und die Unterdrückung der Frau, über Magersucht, FPÖ,
Atomgefahr und das verseuchte Essen, über Drogen, die Reduktion
der Artenvielfalt, die Ausbeutung der Entwicklungsländer und die
Gräuel des Kapitalismus.
Dies alles dient viel weniger der Bildung der Schüler, als vielmehr
der politischen Selbstverwirklichung der Lehrer. Und mit Sicherheit
hat diese unentwegte Behandlung von Themen, die in ihrer Negativität,
Aussichtslosigkeit und Weltuntergangsstimmung kaum zu überbieten
sind, mit dazu beigetragen, dass die Unsitte des Komatrinkens unter
Jugendlichen so weit verbreitet ist. Angesicht der Aussicht, dass sie
ohnehin bald alle unter dem Ozonloch verbrennen werden, potentielle
Nazis sind und verantwortlich dafür, dass kleine Kinder in finsteren
Löchern ihre Turnschuhe nähen müssen, bleibt als Rettung
nur mehr eines: der Alkohol.
Nützliche Dinge, wie etwa zu lernen, wie Banken ihre Geschäfte
machen und wie man mit Geld umgeht, bleiben dabei völlig auf der
Strecke, was mit dazu geführt hat, dass allein in Wien zehntausende
junge Leute überschuldet sind.
Immer schon waren Lehrer auch Propaganda-Maschinen
des jeweils herrschenden Denkens. Das war unter den Kommunisten so,
unter den Nationalsozialisten, und das gilt auch für das therapeutische
Sozialregime, in dem wir derzeit leben. Dieser Umerziehungsfimmel hat
offensichtlich kein Ende. Und jetzt droht auch noch die Kindergartenpflicht,
was die staatliche Aufsicht bereits im Vorschulalter beginnen lassen
würde.
Kann man den Lehrern Vorwürfe machen, wo sie es doch nur gut meinen?
Durchaus. Schule ist nicht dazu da, die herrschenden Modethemen und
Ideologien diskutieren zu lassen, sondern es geht darum, Grundwissen
und vor allem Fertigkeiten zu vermitteln. Von diesen ist die Beherrschung
der Landes- oder Muttersprache wahrscheinlich die wichtigste.
Warum? Karl Kraus gibt einen Hinweis: Der Gedankenlose denkt, man
habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet.
Er versteht nicht, daß in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort
hat, in das der Gedanke hineinwächst. Das bedeutet, dass denken
nur der kann, der eine Sprache beherrscht. Aber vielleicht geht es ja
nur darum, nützliches Stimmvieh zu erzeugen. Wer braucht schon
Menschen, die eigenständig denken können. Die waren doch immer
schon die lästigsten von allen.
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