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Die Finanzkrise ist eine Krise des Wohlfahrtsstaates
Um
zu verstehen, dass die Finanzkrise eine Krise des Wohlfahrtsstaates
ist,
muss man sein Augenmerk auf die symbiotische Beziehung legen,
die zwischen den Banken und dem Staat besteht.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 11. Februar 2009
Sucht man nach den Ursachen der
Finanzkrise, so führt dies unweigerlich zur Finanzierungsmentalität
des Wohlfahrtsstaates, die darin besteht, noch nicht verdientes Geld
auszugeben und Schulden anzuhäufen. So liegen etwa von der Gesamtsumme
an Ausleihungen, die sich in Österreich Ende 2007 auf 305 Milliarden
Euro belaufen, 200 Milliarden beim Staat. Daraus folgt, dass der Staat
der mit Abstand größte Schuldner ist. In vielen anderen Wohlfahrtsstaaten,
so auch in den USA, liegen die Verhältnisse ähnlich. Am Beginn der Krise
stand demnach ein unbekümmerter und zusehends lausiger Schuldner, der
sich beharrlich weigerte, seine Schulden dauerhaft zurückzuführen.
Um zu verstehen, dass die Finanzkrise eine Krise
des Wohlfahrtsstaates ist, muss man sein Augenmerk auf die symbiotische
Beziehung legen, die zwischen den Banken und dem Staat besteht. Über
die Finanzwelt nachzudenken und die Rolle des Staates dabei auszuklammern,
hieße diese Welt vollkommen zu verkennen.
Dass die Finanzwirtschaft aufs engste mit dem Staat verwoben ist, lässt
sich an folgenden Fakten verdeutlichen: Erstens handelt die Finanzwirtschaft
ausschließlich mit Geld, d.h. mit einem staatlichen Monopolprodukt.
Zweitens sitzt im Aufsichtsrat einer jeden Bank ein Staatskommissär,
was sonst in keiner anderen Branche üblich ist. Banken haben also
stets unter der Aufsicht des Staates ihre Geschäfte betrieben und
der Staat hat sich davon ebensoviel erwartet wie die Banken selbst.
Drittens war die Geldmenge zur Kreditvergabe für die Banken kaum
ein limitierender Faktor. Geldknappheit gab es für die Banken so
gut wie nie, weil die Nationalbanken stets hinreichend Liquidität
zur Verfügung stellten. Es gab immer eine Art Loch, aus dem das
Geld herausgequollen ist: Dieses Loch war der Staat. Viertens wurde
der Zinssatz nicht auf einem Markt festgelegt, sondern von der Nationalbank
bestimmt. Ganz offensichtlich war dieses System dazu da, eine Illusion
des Wohlstands zu erzeugen. Die Politik hat sich diese Wohlstandsillusion
auf ihre Fahnen geschrieben und ging damit auf Wählerstimmenfang.
Fünftens verwundert es deshalb nicht, dass der personelle Austausch
zwischen der Geldwirtschaft und der Politik intensiver war, als bei
jedem anderen Wirtschaftszweig. Folglich sprach man im Bankwesen auch
gerne von Bankbeamten, in offenkundiger Analogie zu Staatsbeamten.
Aus all dem folgt, dass Banken nichts anderes als die Mägde des
Wohlfahrtsstaates sind. Im Krisenfall erwischt es auch zuerst die Magd
und dann erst ihren Herrn. Das große Pyramidenspiel des Finanzkapitalismus,
das jetzt zusammenbricht, wurde weitgehend wohlfahrtsstaatlich initiiert
und betrieben. Staatlichkeit war immer schon auf Ausbeutung angelegt.
Neu am wohlfahrtsstaatlichen System war, dass die Ausbeutung auf die
nächste Generation verlegt wurde, dass das Pyramidenspiel auf Kosten
der nächsten Generation stattfand, d.h. dass die Interessen der
Kinder und Nachfahren aufs Spiel gesetzt wurden.
Die Stabilisierungsversuche für die Finanzwirtschaft gehen nun
dahin, diese kollektive Lebenslüge aufrecht zu erhalten. Auch wenn
die politischen Kräfte derzeit weiterspielen müssen, wird
die Finanzkrise erst dann beseitigt sein, wenn die noch tiefer liegende
Krise des Wohlfahrtsstaates erkannt und überwunden sein wird.
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