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Über den Umgang mit der Armut
Wir
kennen vor allem zwei Stategien, um all jenen, die wir als arm bezeichen,
zu helfen. Beide Strategien haben bislang nicht dazu geführt,
dass es die Armut nicht mehr gibt.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 4. Februar 2009
Einer aktuellen U-Bahn-Durchsage
zufolge soll man Menschen, die in der U-Bahn betteln, in Hinkunft nichts
mehr geben, exakt gar nichts. Die Begründung: Zum einen sei
das Betteln vielen Fahrgästen lästig, zum anderen ohnehin verboten und
schließlich sei es allemal besser, sich mit Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen
zu wenden. Zum Schluss heißt es "Wir danken für ihre Mithilfe", so als
ob alle Anwesenden bereits ihre Zustimmung gegeben hätten. Der große
Bruder hat gesprochen. Der lauschende Fahrgast bleibt stumm. Wo liegt
das moralische Problem?
Wir kennen vor allem zwei Stategien, um all jenen,
die wir als arm bezeichen, zu helfen: Die eine, traditionelle, die uns
aus den Religionen überliefert ist, besteht darin, wohltätig
zu sein und Almosen zu geben; die andere, moderne, die in den so genannten
Wohlfahrtsstaaten entwickelt wurde, darin, aus der Armut ein Rechtsverhältnis
zu machen. Beide Strategien, die heute gleichermaßen in Anwendung
sind, haben bislang nicht dazu geführt, dass es die Armut,
die ein Übel ist, nicht mehr gibt. Beide Strategien haben versagt.
Das Almosen beruht auf der Freiheit des Einzelnen, der die Möglichkeit
hat, persönlich Gutes zu tun. Er kann sich mit demjenigen,
der in Not ist, verbünden. Er kann frei entscheiden, wem er ein
Almosen zukommen lässt und ob es aus Geld, einer Speckjause, einer
Verdienstmöglichkeit oder einem Ratschlag besteht. Er kann sich
persönlich nach dem Wohlbefinden seines Schützlings erkundigen
und so auf Dankbarkeit hoffen. Zweifellos gehört es zum guten Benehmen,
dass derjenige, der deutlich mehr hat als er benötigt, jenen, die
nicht imstande sind, sich das, was sie zum Überleben brauchen,
zu verschaffen, nach eigenem Ermessen gibt. Die Strategie des Almosen-Gebens
basiert auf wechselseitigem Vertrauen und persönlicher Verantwortung.
Die andere, moderne Strategie, nämlich Armut mit Hilfe des öffentlichen
Rechts zu verstaat-lichen, funktioniert gänzlich anders. Den einen,
die als reich bezeichnet werden, wird unter Androhung von Gewalt ein
Teil ihres Eigentums entwendet, unter dem Vorwand, es an die Armen zu
verteilen. Bloß kommt nur ein Bruchteil des erpressten Geldes
bei den Armen an, weil zu den Armen unter anderen auch die AUA-Piloten
gehören, deren Arbeitsplatz gefährdet ist. Mit Gerechtigkeit
hat das alles rein gar nichts zu tun, bloß mit einem Herrschaftsverhältnis,
das sich als Wohlfahrtsstaat tarnt.
Abgesehen davon kann es gar kein Recht auf zwei warme Mahlzeiten
am Tag geben. Es gibt niemanden, bei dem man dieses Recht einfordern
könnte. Niemand kann dieses Recht garantieren, außer er stiehlt
diese Mahlzeiten bei anderen Menschen. Im Unterschied zum Almosen hat
solches Handeln also nichts mit Moral zu tun. Im Gegenteil: Es untergräbt
jede Moral, weil es den Einzelnen von seiner Verantworung für seinen
Mitmenschen letztlich nachhaltig entbindet und ihn roh und kalt macht.
Deshalb folgender Ratschlag: Geben Sie immer, wenn Ihnen danach
ist, einem Bettler ein Paar Euro. Der Wohlfahrtsstaat ist so gut wie
bankrott. Und bleiben sie gelassen, wenn sich ein Bettler um Ihr Geld
eine Flasche Schnaps kauft und es nicht für einen warmen Winter-mantel
spart. Es war ein Geschenk und Sie haben es ohnehin nicht im Griff,
was in der Folge mit Ihrem Geld passiert. Wir danken für Ihre Mithilfe!
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