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Über hohe und niedrige Zeitpräferenz
Die
alte Vorstellung, dass Konsumieren alle reich machen könne,
ist eine große Dummheit. In Wirklichkeit läuft die Kausalität
des Reichtums anders.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 21. Jänner 2009
Auch die Zeit lässt sich -- so
wie alles im Leben -- unterschiedlich bewerten. Kinder und Tiere etwa
bewerten die Gegenwart extrem hoch. Das heißt sie wollen das, was ihnen
begehrenswert erscheint, jetzt gleich haben und haben demnach
eine hohe Zeitpräferenz. Kinder und Tiere leben in der Gegenwart und
gehen ganz in ihr auf. Die Gegenwart ist alles, was sie sich vorstellen
können und die Zukunft liegt außerhalb ihres Bewusstseins.
Erwachsene haben die Möglichkeit, an die Zukunft
zu denken. Sie können auf gegenwärtigen Konsum verzichten,
also Sparen, in der Voraussicht, in Zukunft mehr konsumieren
zu können. Sie bewerten damit die Gegenwart geringer, haben also
eine niedrigere Zeitpräferenz. Hat man Sparen jedoch verlernt,
wird alles bereits in der Gegenwart konsumiert, was dem Gegenteil von
weiser Voraussicht und kluger Zukunftsvorsorge entspricht.
Wenn uns Erwachsenen nach der Gegenwart gelüstet, nehmen wir einen
Kredit, das heißt wir machen Schulden. Ist es ein Konsumkredit,
so verjubeln wir ihn für unser tägliches Vergnügen. Das
ist selten klug. Ist es ein Investitionskredit, so verwenden wir ihn
zur Produktion von Gütern oder zur Bereitstellung von Dienstleistungen,
die, wenn sie andere Menschen freiwillig kaufen, einen künftigen
Gewinn versprechen. Das ist schon klüger. Noch klüger wäre
es freilich, man würde vorher sparen, denn Kredite machen alles
teurer, was die Konsummöglichkeiten in der Zukunft reduziert, und
umso mehr, je umfangreicher die Kredite sind. .
Ist die Zeitpräferenz bei Erwachsenen extrem hoch, so führt
dies notwendig zu Verschwendung, in der Folge zu sozialer Hilflosigkeit
und bei moralischer Entgleisung zu Diebstahl und Betrug. Stirbt jemand,
der eine hohe Zeitpräferenz hatte, so hinterlässt er bestenfalls
nichts, meist jedoch Schulden und Probleme, die andere auszubaden haben.
Wenn jemand stirbt, der eine niedrige Zeitpräferenz hatte, so wurde
in der Regel etwas aufgebaut, das an die nächste Generation weitergegeben
werden kann.
Die Vorstellung, dass Konsumieren alle reich machen könne, ist
eine große Dummheit. Erstaunlich, dass es die überwiegende
Mehrzahl der etablierten Ökonomen bis heute noch nicht weiß.
In Wirklichkeit läuft die Kausalität des Reichtums nämlich
anders: Zuerst Kapital bilden, mit diesem etwas Sinnvolles produzieren,
das andere Menschen freiwillig kaufen, und dann den Überschuss
(unter Abzug einer fortlaufenden Sparquote) konsumieren. Die falsche
Kausalität, wie heute üblich, nämlich zuerst zu konsumieren,
bevor man noch etwas produziert und gespart hat, ist ein Übel.
Nicht nur, weil Kredite alles verteuern, sondern vor allem auch deshalb,
weil ein Anwachsen der Kreditmenge die Gesamtmenge an Geld erhöht,
was notwendig zu Inflation führt. Inflation bedeutet Massenenteignung.
Angesicht der Tatsache, dass wir uns gleichsam kollektiv eine außerordentlich
hohe Zeitpräferenz zugelegt haben, braucht es uns nicht weiter
zu verwundern, wenn wir enteignet und an die Wand gedrückt werden.
Jeder bekommt das, was ihm angemessen ist. Wären wir erwachsen
gewesen, wäre uns das nicht passiert.
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