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Über den Wert der Arbeit
Es könnte
sein, dass Arbeits- und Berufsmoral in Zukunft
derart verkommen, dass
die Mehrheit der Menschen zwischen
Leistung und Wohlstand keine Verbindung mehr erkennen kann.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 13. Mai 2009
Ob es sich aus lat. arvum,
arva (gepflügter Acker) oder aus germ. orbu (Knecht)
herleitet, ist im Grunde einerlei: Das Wort Arbeit hatte ursprünglich
eine negative Bedeutung, nämlich Mühsal und Not. Ersichtlich wird dies
auch an dem slawischen Wort rabota, das aus rab (Sklave)
gebildet wurde.
Eine ähnliche Bewertung finden wir in der griechischen
Philosophie. „Arbeit und Tugend“, schreibt Aristoteles,
„schließen sich gegenseitig aus“. Als Verrichtung
des Körpers sei die Arbeit eines freien Menschen unwürdig
und hindere ihn an der Muße der Kontemplation.
Auch der jüdische Mythos (Gen. 3, 17-19) wertete die Arbeit als
Fluch, als eine Folge der Erbsünde. Zwar traten Evangelien und
Christentum dieser Auffassung entschieden entgegen, doch wurde die Arbeit
auch noch im Mittelalter als göttliche Schickung betrachtet, in
die sich der Mensch zu fügen hat.
Diese Auffassung veränderte
sich erst mit dem Auftreten Martin Luthers, der die Arbeit als einen
positiven Auftrag Gottes ansah und Kopf- und Handarbeit grundlegend
gleich bewertete: „ … und ist eins wie das ander, fallet
ab aller Unterschied der Werke ... was ihm fürkommt, das tut er
und ist alles wohlgetan“. Luther verstand die Arbeit als Dienst
für andere Menschen in einem bestimmten Beruf.
Max Weber, der seinem soziologischen Erkenntnisinteresse entsprechend
seine Analyse nicht auf die Weltreligionen selbst, sondern auf dasjenige
ethische Verhalten richtete, auf welches Prämien in Form von Heilsgütern
gesetzt werden, konnte Jahrhunderte später zeigen, dass der Protestantismus
für die Veränderung der Arbeitseinstellung eine wichtige Initialleistung
erbracht hat.
Keine der Weltreligionen, so Weber,
habe eine derart dezidierte Arbeits- und Berufsmoral entwickelt wie
bestimmte Richtungen des asketischen Protestantismus: „Beruf und
innerster ethischer Kern der Persönlichkeit sind hier eine ungebrochene
Einheit“. Vor allem im Rahmen der calvinistisch-puritanistischen
Prädestinationslehre wurden Arbeit und systematisch-rationale Lebensführung
(Planung, Voraussicht) zum Zeichen der Bewährung.
Beruflicher Erfolg galt als das sicherste Zeichen von Gottes Gnade.
Die prinzipielle Unsicherheit der Erwählung wurde zum Antrieb,
den Gnadenstand auch methodisch zu kontrollieren. So wird es wohl kein
Zufall sein, dass im protestantischen Deutschland, England und Amerika
erstmals eine Vielzahl an Menschen zu anhaltendem Wohlstand und sozialer
Sicherheit gekommen sind.
In den modernen Wohlfahrtsstaaten, in denen neuerdings kindliche Vorstellungen
eines möglichen Schlaraffenlands zu Tage treten und eine Art Recht
auf Faulheit durchgesetzt werden soll, wird Arbeit wieder zunehmend
als Fluch und Sklavendienst betrachtet. Der Sozialismus, der mit dem
Siegeszug der Demokratie verwirklicht wurde, ist heute längst nicht
mehr der Notschrei der gequälten Kreatur, sondern ein wohlig-faules
Grunzen geworden, das von einer neofeudalen politischen Funktionärsklasse
dirigiert und weiter aufgestachelt wird. Dies könnte in absehbarer
Zeit dazu führen, dass Arbeits- und Berufsmoral derart verkommen,
dass die Mehrheit der Menschen zwischen Leistung und Wohlstand keine
Verbindung mehr erkennen kann, dass der Unterschied zwischen Verdienen
und Bekommen völlig in Vergessenheit gerät, was eine kollektive
Verelendung zur Folge hat.
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