| Über die Freundschaft Freundschaften
geben Halt, machen Mut, spenden Trost und erhöhen
Copyright: Eugen Maria Schulak Allem Anschein nach sind Freundschaften
stabiler, dauerhafter und weniger neurotisch als jede andere persönliche
Beziehung. Dies hat seinen Grund darin, dass Freundschaften überwiegend
auf der Freiwilligkeit unserer Wahl und unserer Entscheidung beruhen,
im Unterschied zu verwandtschaftlichen oder erotischen Bindungen, die
uns durch die Natur, durch das Gesetz oder durch geschlechtliche Anziehung
gleichsam aufgenötigt werden. Aus diesen und anderen Gründen findet sich im Rahmen der philosophischen Tradition fast durchgängig die Meinung, dass es sich bei der Freundschaft, vornehmlich bei der unter Männern, wohl um die edelste Form menschlicher Bindungen handeln müsse. Aristoteles etwa hielt die Freundschaft für noch wichtiger als die Gerechtigkeit. Wahre Freundschaft sei uneigennützig, habe das Gute im Sinn und bringe im jeweils Anderen stets auch nur das Gute ans Licht. Überdies, so Michel de Montaigne,
sei es unter Freunden die vornehmste Verpflichtung zu mahnen und zurechtzuweisen,
was philosophisch eine bedeutsame Rolle spiele, weil es die innere Einsicht,
d.h. die Selbsterkenntnis rein prinzipiell befördere. Immanuel Kant, der im Denken stets
nüchtern blieb, hielt solche Reden für übertrieben. In
ihrer „Reinigkeit und Vollständigkeit“ sei die Freundschaft
letztlich unerreichbar, eine bloße Idee und als diese vor allem
das „Steckenpferd der Romanschreiber“. Trotzdem tue es Not
nach ihr zu streben, als eine „ehrenvolle Pflicht“. Ihr
moralischer Kern sei „das völlige Vertrauen zweier Personen
in wechselseitiger Eröffnung ihrer geheimen Urteile und Empfindungen,
soweit sie mit beiderseitiger Achtung gegeneinander bestehen kann“. |