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Über den Ursprung staatlicher Herrschaft
Staatliche
Herrschaft beruht, materiell betrachtet, auf Raub,
ist aber heute derart subtil und raffiniert geworden, dass sie
mehrheitlich akzeptiert und als Wohltat betrachtet wird.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 29. April 2009
Der Staat sind keineswegs "wir alle",
wie man uns von Kindesbeinen an weismachen will, sondern er ist ein
Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Laut Max Weber ist
er "diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten
Gebietes [...] das Monopol legitimer (d.h. als legitim angesehener)
physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht". Damit ein
Staat Bestand hat, müssen die beherrschten Menschen sich den jeweils
Herrschenden fügen.
Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, wollen
wir uns einen Bären denken, der gemächlich seines Weges schreitet
und plötzlich ein verräterisches Summen hört, das ihn
an seine leiblichen Bedürfnisse gemahnt. Freudig erklettert der
Bär den Baum, reißt den Bienenstock brutal vom Ast und frisst
ihn zur Gänze auf.
Nach und nach begreift er allerdings, dass er mit dieser Vorgangsweise
die Population der Bienen reduziert, was ihm zum Nachteil gereicht.
Deshalb beginnt er die Bienen zu „bewirtschaften“, nimmt
nur einen Teil des Honigs, kommt aber nach einiger Zeit wieder. Da die
Bienen wissen, dass Widerstand zwecklos ist, entnehmen sie, um den Stock
zu schonen, in Hinkunft selbst einen Teil ihres Honigs, wenn sie den
Bären kommen sehen und legen ihn ihm zu Füßen. Der Bär
ist sehr zufrieden.
Die Folge ist: Er lässt sich in der Bienengegend nieder und als
Gegenleistung dafür, dass er die Bienenstöcke nicht der Reihe
nach vernichtet und auch gegen Angriffe fremder Bären schützt,
wird er mit derart viel Honig beliefert, dass er damit auch seine Familie,
seine Verwandten, seine Freunde und seine Dienerschaft versorgen kann.
Mit der Zeit entwickeln die Bienen die Vorstellung, dass der Bär,
wo er doch nun so reich geworden ist, auch ein sehr kluges Tier sein
müsse und erbitten in einem Streitfall seinen Rat. Der Bär,
der sich geschmeichelt fühlt, spricht ein Machtwort. In weiterer
Folge wird er in sämtlichen Streitfällen konsultiert und er
erlässt schließlich einen Rechtskodex, der ihm seinen Honig
für alle Ewigkeit sichert.
Jetzt werden die Bienen listig:
Jene, denen das Honigsammeln lästig fällt, beginnen über
ihr Schicksal zu klagen und schmieren dem Bären Honig ums Maul.
Der Bär, der freilich noch viel listiger ist, erfindet daraufhin
die „soziale Gerechtigkeit“. Diese besteht darin, dass jene
Bienen, die deutlich mehr Honig sammeln als alle anderen, zwei Drittel
ihres Honigs an ihn abliefern müssen. Er selbst nimmt sich den
Bärenanteil. Der Rest wird umverteilt.
Die Bienen sind zufrieden, was die Herrschaft des Bären zementiert.
Im Bienenstock gilt der Bär nun mehrheitlich nicht mehr als Räuber,
sondern als Wohltäter. In der Folge beginnt er die Größe
der Bienenstöcke, die Ab- und Anflugzeiten fürs Honigsammeln
sowie den Gebrauch des Giftstachels zu regulieren.
Was wir daraus lernen können:
Staatliche Herrschaft beruht, materiell betrachtet, auf Raub, ist aber
heute derart subtil geworden, dass sie mehrheitlich akzeptiert wird,
vor allem deshalb, weil jene Bienen, denen das Honigsammeln lästig
fällt, dominieren.
Im Grunde wäre es freilich
allemal angebracht, wenn sich der Bär einen Job suchen und seinen
Honig regulär kaufen würde. Bloß hat er sich an sein
„Recht“ auf das Eigentum der Bienen derart gewöhnt,
dass er das Bewusstsein dafür, nichts anderes als ein Räuber
zu sein, völlig verloren hat.
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