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Wider den Konstruktivismus
Echte
Philosophen bemühen sich um echte Erkenntnis, das heißt
sie wollen die Mauer, die zwischen ihnen und der Realität steht,
durchbrechen. Alles andere ist nicht der Mühe wert.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 22. April 2009
Der radikale Kern des Konstruktivismus
besteht in der Annahme, dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit
konstruiert, also jeder Einzelne in einer anderen Wirklichkeit lebt
und es somit keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Wirklichkeit
gibt. Jede Wahrnehmung sei bloß eine Konstruktion, die sich aus sinnlichen
Reizen und den Leistungen des Gedächtnisses ergebe. Keine wissenschaftliche
Methode könne folglich die Realität je berühren, keine Theorie die Realität
beschreiben. Allgemein gültige Erkenntnis sei demnach prinzipiell unmöglich.
Solches Denken findet sich heute überall, in
Teenagerdebatten, bei Technikern, unter Ärzten und in Wissenschaftskreisen
rund um die Welt. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern:
Alles ist relativ, alles ist subjektiv, alles liegt bloß im Auge
des Betrachters. Es ist die philosophische Popkultur, die einem auf
Schritt und Tritt begegnet, wie eine Filiale von McDonald's.
Einen Philosophen sollte dies freilich kaum erschüttern. Einerseits
weiß er, dass, wenn er sterben sollte, die Relativität ein
rasches Ende hat. Dann steht das Absolute vor der Tür. Und andererseits
ist es allemal so, dass es einem Philosophen um die Wahrheit geht und
gehen muss. Ein Philosoph, der etwas auf sich hält, bemüht
sich um die Wahrheit. Das ist sein Kerngeschäft. Verlässt
er diesen Kern, ist er nichts anderes als ein Clown.
Echte Philosophen bemühen sich um echte Erkenntnis, das
heißt sie wollen die Mauer, die zwischen ihnen und der Realität
steht, durchbrechen. Das ist das Ziel. Alles andere ist nicht der Mühe
wert. Ein Konstruktivist dagegen wirkt wie ein Raubtier ohne Zähne
oder ein Krieger ohne Schwert. Ein Philosoph hingegen kämpft. Sein
Schlachtfeld ist das Schlachtfeld der Ideen. Wer dort gewinnt, der gibt
der Zeit ihren Takt.
Letzteres würde auch ein Konstruktivist nicht bestreiten. Aber,
und das ist entscheidend: Ein Konstruktivist, ein Relativist würde
niemals wissen und entscheiden können, welche Ideen tatsächlich
die Besseren sind. Das heißt, er würde gar keine besseren
Ideen haben – und was noch schlimmer ist: Er würde gar keine
besseren Ideen haben wollen. Im Grunde ist das nichts anderes
als eine Form der Resignation, eine Art philosophische Hilflosigkeit,
Defätismus, vielleicht sogar der intellektuelle Ausdruck einer
sterbenden Kultur, die unendlich müde und dekadent geworden ist.
Aber abgesehen davon ist der Konstruktivismus
auch logisch nicht zu halten: Er behauptet nämlich, auf
wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beruhen. Diese können jedoch,
seinen eigenen Aussagen gemäß, keine Gültigkeit haben.
Denn ein nicht vorhandener Zugang zur Wirklichkeit kann nicht als Teil
der Wirklichkeit erkannt werden, das ist logisch unmöglich. Der
Konstruktivismus hat demnach ein Selbstanwendungsproblem. Sein radikaler
Kern führt sich selbst ad absurdum.
Deshalb steht nach wie vor offen, ob die Realität erkannt werden
kann oder nicht. Und deshalb ist auch das philosophische Bemühen,
die Realität tatsächlich zu erkennen und sie in Form
von Ideen zu formulieren, keineswegs vergeblich oder vielleicht sogar
lächerlich oder naiv, sondern nach wie vor notwendig, wenn man
nach Erkenntnis streben will.
Erkenntnis hat also letztlich etwas
mit Courage zu tun. Und allemal: Wer die Courage verliert, der hat von
vornherein verloren.
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