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Mündigkeit und staatliches Interesse
Dadurch,
dass man uns die Verantwortung abnimmt, kann man uns Verantwortung
nicht lehren. Denn auf diese Weise wird es uns nicht möglich sein,
erwachsen und mündig zu werden.
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 25. März 2009
In welcher Weise der moderne Staat
auch immer in Erscheinung trat, ob als Demokratie, Sozialismus oder
Nationalsozialismus, stets legitimierte er seinen Herrschaftsanspruch
durch die tatsächliche oder vermeintliche Produktion von Sicherheit
und Wohlstand. Für die Sozialregime der Gegenwart, die sich der Belehrung,
Betreuung und Beplanung aller verschrieben haben, gilt dies noch in
verstärktem Ausmaß.
Doch kann ein Staat, der sich auf diese Weise legitimiert,
am „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“
(Kant) überhaupt ein genuines Interesse haben? Hängt sein
Existenzrecht nicht davon ab, dass stets die Mehrheit auch belehrbar,
betreuungswürdig und beplanbar bleibt? Und hat dies nicht zur Folge,
dass die Unmündigkeit gleichsam in großem Stil gezüchtet
wird?
Vieles spricht dafür. Und es würde erklären, warum mittlerweile
alles, was irgendwie wankt und schwankt, gefährdet und gestrauchelt
ist, sich ratlos räkelt und mal Pause machen will, staatlich subventioniert
wird.
Alles, was man subventioniert, wird mehr. Je mehr an ledige Mütter
bezahlt wird, desto mehr ledige Mütter und flüchtende Väter
gibt es. Je mehr sinnlose Wissenschafts- und Kunstprojekte gefördert
werden, desto mehr sinnloses Denken und Tun kommt in Umlauf. Je mehr
Spritzen man verteilt, desto mehr Drogensüchtige gibt es. Je mehr
Schuldnern ihre Schulden erlassen werden, desto mehr Schuldner wachsen
nach. Insgesamt gilt: Je intensiver man sich dem Scheitern, den Defiziten
und dem Unsinn monetär zuwendet, desto mehr Menschen werden scheitern,
Defizite haben und Unsinn produzieren.
Und wenn dies alles bloß christliche Nächstenliebe ist? Mit
Sicherheit nicht, da es weder von Herzen kommt, noch als Gotteslob verstanden
wird. Es ist nichts anderes als eine kalte Sozialmechanik, die zusieht,
wie das, was sie angeblich verhindern will, stetig wächst. Kälte
liegt über der Verwaltung des Elends. Da ist keine Liebe weit und
breit.
Jugendliche erkennen kaum mehr Sinn in ihrem Leben und verfallen in
Lethargie. Es gibt immer mehr Studenten, die kaum zwei Sätze fehlerfrei
lesen können. Psychiater berichten, dass Pathologien aller Art
rapide im Steigen sind. Es scheint, als wäre da eine Rechnung so
überhaupt nicht aufgegangen.
Oder doch? Sitzt ein Sozialregime nicht umso fester im Sattel, je kaputter
eine Gesellschaft ist? Lässt sich jede weitere Regulation nicht
umso leichter legitimieren, je schwerer es dem Einzelnen fällt,
mit der Komplexität des Lebens zurechtzukommen? Und würde
nicht fast jeder Politiker unserer Tage den folgenden Satz ruhigen Gewissens
unterschreiben: „Je komplizierter die Formen der Zivilisation,
desto eingeschränkter muß die Freiheit des Individuums werden“
(Benito Mussolini). Haben wir überhaupt noch eine Ahnung, was Faschismus
eigentlich bedeutet?
Wenn alle gewachsenen Strukturen einmal nachhaltig zerstört sind,
wenn jeder Einzelne, etwa durch ein arbeitsloses Grundeinkommen, von
der Fürsorge abhängig geworden ist, wenn die Mehrheit eine
komfortable Stallfütterung mehr gutiert als ein freies Leben mit
all seinen Risiken und Chancen, dann werden wir alle zu Boden sinken,
wie die welken Blätter im Herbst. Dann wird niemand mehr erwachsen
werden können. Denn dadurch, dass man uns die Verantwortung abnimmt,
kann man uns Verantwortung nicht lehren.
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