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Wahrheit und Krise
"Wir
haben uns vorgenommen, bislang weitgehend unbekannte Technologien
zu völlig neuartigen Produkten zu entwickeln, mit der Absicht,
Illusionen sichtbar zu machen."
Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 18. März 2009
Krisenzeiten sind immer auch Gründerzeiten,
in denen der Erfindergeist erstaunliche Blüten treibt. So entstand unlängst
erst in einem Hinterhof in Wien eine Technologiewerkstatt, die auf Grund
ihres Ideenreichtums zur Avantgarde zu zählen ist. Produziert werden
in Handarbeit gefertigte Prototypen, die nach einer Testphase für die
Massenproduktion verkauft werden sollen.
Gegründet wurde das mit gehortetem Silber finanzierte
Unternehmen, das sich „The Truth“ nennt, von zwei ostdeutschen
Physikern, einer bulgarischen Hellseherin und einem Wiener Spengler,
der das ehrgeizige wie subversive Ziel wie folgt formuliert: „Wir
haben uns vorgenommen, bislang weitgehend unbekannte Technologien zu
völlig neuartigen Produkten zu entwickeln, mit der Absicht, Illusionen
sichtbar zu machen. Es ist uns ein Anliegen, den Verblendungszusammenhang
weltweit zu zerschlagen.“
Ein erster, voll funktionsfähiger Prototyp liegt bereits vor. Es
handelt sich um ein helmartiges Brillengestell, das die Sehnerven mit
der monetären Aura der Umwelt verknüpft und quantengenau auf
die wahren Besitzverhältnisse kalibriert. „Wir nennen das
Ding die Schuldenbrille“, sagt Herr Oswald, der Spengler von „The
Truth“ mit glasigen Augen. „Sie macht das Ausmaß der
Misere für jedermann sichtbar. Alles, was Schulden hat, geleast
oder geborgt wurde und alles, was damit zusammenhängt, verschwindet
aus dem Blickfeld.“
Wir waren die Ersten, die Testpersonen vor das Mikrofon bekommen konnten,
um sie über ihre Erlebnisse mit der Schuldenbrille zu befragen.
Liliane F., Historikerin: „Am Anfang wurde mir ziemlich übel
und ich konnte kaum etwas sehen. Aber dann ... überall nackte oder
halbnackte Menschen, die gemeint haben: ‚Uns geht es doch total
gut in Österreich. Wir sind doch ein unheimlich reiches Land‘.
Und was auch immer ich betrachtete: Fast alles war durchlöchert,
vieles verschwunden.“
Heinrich H., Bankdirektor (schweißgebadet): „Ich habe mein
Büro im letzten Stock. Unter mir war alles leer. Ich schwebte völlig
in der Luft. Unser gesamtes Papiergeld war weg. Allein Frau Ayschegül,
die bei uns das Putzen besorgt, war noch sichtbar. Die muss wohl hier
die Einzige sein, die keine Schulden hat.“
Ettienne N., alleinerziehende Mutter von drei Kindern (völlig aufgelöst):
„Die Schecks, sowohl die von meinen Liebhabern als auch die von
der Sozialhilfe, verblassten in meinen Händen und lösten sich
in Luft auf. Mein Schmuck, die teure Wäsch', mein Fernseher, mein
Hometrainer, mein Gesichtsbräuner, die Kaffeemaschin', alles weg.“
Adolf S., U-Bahn-Fahrer: „Eigentlich
hab ich gedacht, die Stadt gehört mir. Aber das stimmt nicht. Die
san echt deppert, die von der Gewerkschaft“.
Sepp W., Porschefahrer: „Also,
ich bin sonst kein Lulu. Aber ich fahr, 150, und die im Radio geben
die Yen-Kurse durch, und plötzlich war mein Lenkrad weg.“
Muhammad A., Taxifahrer: „In manchen Teilen von Wien war kein
Asphalt mehr auf den Straßen. Die Politikerin, die ich vom Parlament
abholte, verwandelte sich in ein rotierendes Loch, das alles in sich
hineinsaugte. Aber mein Mercedes ist ausbezahlt, mein zweiter auch.“
Der mit 4000 Euro dotierte Preis der Stadt Wien für Behindertenpädagogik
ist „The Truth“ so gut wie sicher. „Immerhin“,
meint Herr Oswald, „doch verstanden hat man unsere Produkte noch
lange nicht. Das wird noch eine Zeit dauern.“
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